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Schlussbetrachtung

Von einem sehr angesehenen Theologen (ich weiß nicht mehr, wer es ist), las ich einmal: „Der Satz: ´ die Bibel ist Gottes Wort ` ist ein ketzerischer Satz.“ Man kann also die glatte Gleichsetzung nicht vornehmen. Vielmehr finden wir Gottes Wort, Gottes Anrede an uns in der Bibel. Wir sollen die Bibel für unsere Zeit und Lage verstehen. Das kann aber sachgemäß nur so geschehen, daß wir mit allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln erst einmal feststellen, in welcher Situation und zu welcher Situation die einzelnen biblischen Aussagen gemacht worden sind. Damit entsprechen wir der reformatorischen Forderung, daß nur der Wortsinn der Bibel zu gelten habe und alle übertragenen Deutungen ausgeschlossen sind.

Wenn man so vorgeht, gerät man in fast allen Fällen erst einmal in eine fremde Welt, die nicht die unsrige ist. Unterläßt man es aber deshalb und sucht nur kurzschlüssig die heutige Aktualität auf, vielleicht mit vordergründigen Vergleichen, dann entgeht einem der wirkliche Situationsbezug für uns heute. Die Auslegung der Schrift besteht ja darin, daß man durch gründliches Erkennen des Zusammenhangs der damaligen Aussage zu einem heutigen Situationsbezug gelangt. Das ist dadurch möglich, daß jeder, der die Bibel ernsthaft liest, sie ja als heutiger Mensch liest und zu verstehen sucht. Er wird also Das damalige geradezu notwendigerweise ins Heutige transformieren. Je bewußter er das tut, umso besser wird es gelingen.

Im übrigen betonte schon Martin Luther in seiner Adventspostille von der Wartburg 1521, daß die Bibel als ausgelegte, gepredigte Bibel Gottes Wort ist. Er lehnte also Versammlungen der Christen, in denen nur aus der Bibel vorgelesen, sie aber nicht ausgelegt wird, ab. Und der führende Theologe des 20.Jahrhunderts, Karl Barth, schreibt im ersten Band seiner Kirchlichen Dogmatik: „Die Bibel ist Gottes Wort, sofern sie gepredigt wird.“