Diese Seite drucken Diese Seite drucken

Die heutigen Bearbeitungen

Die wichtigsten Handschriften stammen von der Familie ben Ascher, von der zweiten Hälfte des 8.Jahrhunderts an bis zur Mitte des 10. Jahrhunderts Handschriften nicht nur angefertigt, sondern sie auch mit wichtigen Randbemerkungen versehen hat. Diese Randbemerkungen nennt man die Masora, die Rabbinen, auf die sie zurückgehen die Masoreten. Sie haben den Text gegliedert in sog. Paraschen. Sie haben unverständliche Wörter korrigiert, also auch schon Konjekturen angebracht, selbstredend nicht in den heiligen Text hineingeschrieben, sondern am Rande vermerkt. Vor allem aber haben sie den Text gesichert, z.B. durch Hinweise darauf, daß ein Wort in einem Vers mehrmals vorkommt, was leicht zu Auslassungen durch den Abschreiber führen konnte, durch Hinweise auf einmalig erscheinende Wörter usw.. Sie haben auch angegeben, daß bestimmte Wörter anders gelesen werden müssen als sie geschrieben sind. Die geschriebene Form heißt „Ketib“, die zu sprechende „Kere“. Das ist die Randmasora. Man unterscheidet dabei die kleine Masora, die am Seitenrand steht, und die große, die ausführlichere Masora am unteren und oberen Rand. Die findet man in der Hebraica Quinta, während sie zur Stuttgarter BH als besonderer Band erschienen ist. In allen modernen Ausgaben steht auch die Schlussmasora, die ebenfalls der Sicherung des Textes dient. Denn dort ist u.a. die Zahl der Verse angegeben.

Überhaupt war die Sicherung des genauen Textes, des heiligen Wortlauts wichtig. Es gab einen besonderen Talmudtraktat, der genaue Vorschriften für das Abschreiben der heiligen Schrift enthielt. War eine der Rollen, aus denen in der Synagoge vorgelesen wurde, schadhaft und deshalb an einzelnen Stellen nicht mehr mit Sicherheit zu lesen, kam sie in die Geniza, eine Art Rumpelkammer der Synagoge. Das persische Wort „Geniza“ heißt „Schatzkammer“. Die wurde von Zeit zu Zeit entleert, und ihr Inhalt wurde auf dem Friedhof feierlich begraben. So kommt es, daß unsere heutigen Ausgaben des Tanak nicht auf solchen Schriftrollen beruhen, sondern auf Codices, also gebundenen Büchern, die nicht dem gottesdienstlichen Gebrauch, sondern dem persönlichen Schriftstudium dienten.
Ehe sich die Masoreten mit der Schrift beschäftigten, waren die Naqdanim am Werk. Sie befassten sich mit der Vokalisation. Denn die Schriften der semitischen Sprachen sind Konsonantenschriften. Vokale werden nur ausnahmsweise benutzt. Dazu nimmt man einen dazu geeigneten Vokal, z. B für das i das Konsonantenzeichen für j, für o und für u das Konsonantenzeichen für w usw.. Das ist aber nicht durchgehend so. Solange eine Sprache lebendig ist, braucht man keine durchgehenden Vokalzeichen. Im Arabischen und im heutigen Hebräisch, dem Iwrith, fehlen sie. Das Althebräisch war aber schon lange vor Christi Geburt vom Aramäischen aus der Umgangssprache verdrängt worden und nur noch bei der Gelehrsamkeit und im Gottesdienst gebräuchlich. Deshalb haben die Naqdanim Vokalzeichen entwickelt. Es gab anfangs verschiedene Systeme. Die dann bis heute gültige Vokalisation oder Punktation besteht in kleinen Strichen und Punkten unterhalb und oberhalb der Konsonanten. Denn Eingriffe in deren Bestand waren natürlich nicht möglich. Außerdem haben die Naqdanim ein kompliziertes System von Akzenten entwickelt, das für den Vortrag in der Synagoge wichtig war. Die Bedeutung dieser Zeichen als Akzente kennen wir nicht mehr. Sie dienen uns aber als Satzzeichen, welche den Text gliedern. Vorgegeben innerhalb des Konsonantenbestandes war nur das Zeichen für den Satz- u.d.h. zugleich den Vers-Schluss.

Bei der Vokalisation ist eine Sache besonders wichtig. Es handelt sich um den Gottesnamen Jahwe. Der durfte ja nicht ausgesprochen werden. Wenn er im Text erschien, musste dafür Adonaj „Herr“ gelesen werden. Damit dabei kein Versehen passierte, setzten die Naqdanim zu den Konsonanten von „Jahwe“ nicht die Vokale dieses Wortes, sondern diejenigen von „Adonaj“. Deshalb hat man bis vor ca.150 Jahren „Jehova“ für den Gottesnamen gehalten, bis man den richtigen entdeckte. In unseren Bibelübersetzungen kommt „Jahwe“ nicht vor, sondern auch bei uns steht dafür immer „Herr“. Wenn aber im hebräischen Text „Jahwe“ steht, ist in der Lutherbibel „HERR“ immer mit großen Buchstaben geschrieben.

Ehe sich die Naqdanim an die Vokalisation und die Akzentuierung hatten machen können, musste auch der Konsonantenbestand feststehen. Dafür hatten vorher die Maggihim gesorgt. Denn es gab natürlich trotz strenger Schreibvorschriften mancherlei Abweichungen. Die waren auch später bis zur Erfindung des Buchdrucks unvermeidlich. Deshalb war und ist es ja wichtig, möglichst alte Handschriften heranzuziehen. Unvermeidlich war, daß die Naqdanim wie die Maggihim bei ihrer Arbeit die hebräische Grammatik klären mussten. Sie haben die hebräische Sprache in ein grammatisches System gebracht, nach welchem wir heute noch das Hebräische und auch das Aramäische lernen.
All diesen Mühen unterzog man sich deshalb, weil der Tanak die heilige Schrift war. Was zur heiligen Schrift gehört, nennt man „Kanon“, d.h. „Richtschnur“. Was zum Kanon gehört, ist verbindlich, ist Gottes Wort. So sah man es. Welche Schriften in diesem Sinne kanonisch waren, haben die Rabbinen um 100 n.Chr. festgelegt. Dabei schrieben sie nur das fest, was im Judentum schon vorher kanonisches Ansehen genossen hatte. Es gab freilich gewisse Randerscheinungen. Über die Kanonizität des Buches Esther ist man sich erst spät einig geworden, aber – wie gesagt – um 100 war es so weit.

Bei dieser Kanonisierung wurde nicht nur festgestellt, welche Bücher des Tanak als kanonisch zu gelten haben, sondern auch in welcher Reihenfolge sie angeordnet werden. Das ist nicht dieselbe Anordnung, die wir in unseren christlichen Bibelausgaben finden. Der Tanak hat drei Abteilungen, die nach jüdischem Verständnis eine absteigende Heiligkeit haben. Die erste und wichtigste, also heiligste Gruppe bilden die fünf Bücher Mose, die torá, d.h. Gesetz oder Weisung. Dann folgen die nebiím, die Propheten. Dazu gehören aber nicht nur diejenigen Bücher, die uns unter diesem Namen bekannt sind, und nicht einmal alle von ihnen, sondern zunächst ein Teil derjenigen Bücher, die in unseren Bibel als Geschichtsbücher bezeichnet werden, allerdings mit Ausnahme von Rut, Esra, Nehemia und den beiden Chronikbüchern. Die gehören nicht dazu, sondern in die dritte Abteilung. Was von den Geschichtsbüchern übrig bleibt, gehört zu den Propheten. Sie bilden die vorderen Propheten, (nebiím reschonim), während die uns als Prophetenbücher geläufig sind (z.B. Jesaja, Jeremia, Hesekiel, Hosea usw.), die hinteren Propheten, (nebiim acharim) heißen. Dazu gehören allerdings weder Daniel noch die Klagelieder des Jeremia. Sie werden zur dritten Gruppe gezählt, zu der alles Übrige gehört wie beispielsweise die Psalmen, die vorhin genannten Bücher Ruth, Esra, Nehemia, I. und II. Chronik usw. Die Gruppe heißt einfach „Schriften“ (ketubim). Das Wort „tanak“ oder „tanach“ für die Schriften aller drei Gruppen zusammen ist sehr einfach erklärt: es sind die drei Konsonanten, mit denen die Bezeichnungen der drei Gruppen beginnen: torá, nebiim, ketubim, mit einem beliebigen Konsonanten, eben mit a verbunden.