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Der Kanon

Das griechische Wort (spr.: kanón) hat eine ziemlich große Bedeutungsbreite. Für den Bereich, der uns hier interessiert, heißt es „Maßstab“, „Norm“, nämlich die Norm für kirchliche Lehre und Verkündigung. Da hatte man zunächst die regula fidei (Regel des Glaubens) oder die regula veritatis (Regel der Wahrheit), also die allgemeinen Grundsätze dessen, was christlicher Glaube ist, überhaupt, wonach man sich richten und Lehre beurteilen konnte. Aus dieser durchaus naheliegenden Einsicht hat sich dann aber später die Vorstellung einer vermeintlich mündlichen Überlieferung entwickelt, aus der man dann ganz willkürlich schöpfen konnte. In dem Sinne, welche biblischen Bücher die Norm für Lehre und Verkündigung enthalten, also welche Bücher in die Bibel gehören, wird das Wort Kanon seit dem 4. Jahrhundert üblich. Das Wort bezeichnet also nun die Sammlung der verbindlichen Bücher. Welche das sind, stand nicht von Anfang an fest, sondern hat sich im Laufe von etwa drei Jahrhunderten herausgebildet. Im Jahre 367 hat Athanasius, Bischof von Alexandria und als Bischof der Provinzhauptstadt tonangebend für die ganze Kirche Ägyptens, seinen 39. Osterfestbrief an die ägyptischen Gemeinden verfaßt. Es war Brauch, daß sich der Bischof zu Ostern an alle Gemeinden wandte zu Trost und Mahnung, aber auch um wichtige Entscheidungen mitzuteilen. In diesem Brief zählt er diejenigen 27 Bücher auf, die auch in unserm Neuen Testament stehen. Die Reihenfolge ist freilich etwas anders.

Clemens von Alexandria, der am Anfang des 3. Jahrhunderts lebte und lehrte, hat die Bezeichnungen Altes und Neues Testament für die beiden Teile der Bibel eingeführt. So wurde aus dem Bund oder den Bünden Gottes ein Buch. Selbstverständlich bereitete die Auslegung des Alten Testaments erhebliche Schwierigkeiten. Da bot sich aber Philons allegorische Methode an. Man hob vom Geschichtlichen – ohne dies zu leugnen – ab und deutete die Erzählungen um in einem übergeschichtlichen Sinn christlicher Lehre und Ethik. Ein Meister dieses Verfahrens war der aus Alexandria stammende , aber in Caesarea lehrende Origenes, der im Jahre 254 an den Folgen der Folterungen, die er in der Verfolgung erlitten hatte, gestorben ist. Er hat die Lehre vom vierfachen Schriftsinn begründet, die im ganzen Mittelalter herrschend wurde. Erst die Reformation hat damit Schluß gemacht und nur den Wortsinn für gültig erklärt. Doch mit der allegorischen Methode eng verbunden war die Vorstellung von der wörtlichen Eingebung der Schrift durch den heiligen Geist, die Inspiration oder Theopneustie. Es fällt aber auf, daß gerade Origenes, der auf dieser Vorstellung fußte, zugleich ein bedeutender Textkritiker gewesen ist.

Hier sei noch ein Hinweis auf den christlichen Gebrauch des Alten Testaments angebracht. Eine Reihe von Büchern schließt Athanasius vom Kanon aus, hält sie aber für eine brauchbare Lektüre, besonders im Unterricht der Katechumenen, der Taufbewerber: Weisheit Salomos, Jesus Sirach, Judith, Tobias, also Apokryphen. Doch auch das Buch Esther gehört dazu, welches immerhin im hebräischen Kanon steht, allerdings nur mit Mühe und sehr spät hineingekommen ist. Zu diesen nicht kanonischen, aber für Athanasius lesenswerten Büchern gehören auch zwei frühe christliche Schriften, nämlich die sog. Lehre der zwölf Apostel, die älteste Kirchenordnung, und der Hirt des Hermas, eine Apokalypse. Die stammen aus dem Anfang des 2. Jahrhunderts.

Es gab eine größere Anzahl christlicher Schriften, die nicht später entstanden sind als die jüngeren Schriften, die wir heute im Kanon des Neuen Testaments haben. Die älteste dieser nichtkanonischen Schriften ist der ist der I.Clemensbrief, um 95 aus Rom nach Korinth geschrieben. Aus dem Anfang des 2. Jahrhunderts stammen die Lehre der zwölf Apostel und der Hirt des Hermas, die Petrusoffenbarung, von der zwei Fassungen existieren, nach 135 entstanden. Nicht ganz über jeden Zweifel erhaben ist die Echtheit der sieben Briefe des Märtyrer-Bischofs Ignatios von Antiocheia, die um 110 angesetzt werden. Der Brief des Märtyrer-Bischofs Polykarp von Smyrna muß vor 150 geschrieben worden sein. Aus dieser Zeit müßte auch der sog. II.Clemensbrief stammen.

Wir besitzen Fragmente von Evangelien, also Darstellungen der Geschichte Jesu, die aus der ersten Hälfte des 2. Jahrhunderts stammen: das Petrusevangelium, das Nazaräerevangelium, das Ebionitenevangelium, das Hebräerevangelium, das Ägypterevangelium. Vollständig erhalten sind das Protevangelium des Jakobus – die Vorgeschichte der Geburt Jesu, also eigentlich ein Marienevangelium – und die Kindheitserzählung des Thomas, die, wie der Name sagt, mancherlei Wunderbares über die Kindheit Jesu zu erzählen weiß. Das Thomasevangelium hingegen ist eine größere Sammlung von Sprüchen, die auf Jesus zurückgeführt werden und mancherlei interessante Parallelen und Berührungen zu den Worten Jesu in den kanonischen Evangelien aufweisen. Aus der Mitte des 2. Jahrhunderts stammt das Kerygma Petrou (Verkündigung des Petrus), nicht zu verwechseln mit den jüngeren Kerygmata Petrou (Verkündigungen)des Petrus. In die Zeit vor 150 gehört vermutlich auch die Epistula Apostolorum (Brief der Apostel), die angebliche Gespräche des auferweckten Christus mit seinen Jüngern enthält. Hinzu kommt noch eine ganze Anzahl von kleineren Papyri und Papyrusfragmenten mit Jesusworten. Doch deren Herkunft ist kaum zu bestimmen.

Darüberhinaus gibt es eine Fülle von sog. Evangelien, fiktiven Briefen, Apokalypsen usw. aus späterer Zeit. Alle diese nichtkanonischen Schriften, die aus der Frühzeit der Christenheit stammen sollen, aber tatsächlich späteren Ursprungs sind, faßt man unter der Bezeichnung „neutestamentliche Apokryphen“ zusammen. Schon vor etwa 100 Jahren hat der hannöversche Pastor Edgar Hennecke das damals erreichbar Material übersetzt und kommentiert herausgegeben. Vor 40 Jahren hat Wilhelm Schneemelcher die dritte Auflage dieses Werkes, dessen Stoff inzwischen erheblich angewachsen ist, neu bearbeitet veröffentlicht. Es war nötig darauf näher einzugehen, weil in den letzten Jahren über diese Texte wunderliche Dinge verbreitet worden sind, nämlich in dem Sinne, daß darin das wahre, ursprüngliche Christentum stecke, das aber von „der Kirche“ unterdrückt worden sei zugunsten „ihres Kanons“. Das ist einfach dilettantischer oder böswilliger Unfug.

Es gab keine Instanz, die etwas für die gesamte Christenheit festlegen konnte. Das gilt auch für die westliche Christenheit, wo der Bischof von Rom noch nicht die Stellung einnahm, die er im Mittelalter hatte. Immerhin bildete sich seit 5. Jahrhundert eine gewisse Vorrangstellung unter den Bischöfen des lateinischen Westens heraus. Aus dem Pontifikat des Bischofs Gelasius stammen wenigstens die ersten drei Kapitel des Decretum Gelasianum, welche die Beschlüsse der römischen Synode vom Jahre 382 enthalten. Diese Synode, an der auch östliche Bischöfe und Hieronymus teilgenommen hatten, hat denselben neutestamentlichen Kanon beschlossen, wie er im Osterbrief des Bischofs Athanasius festgelegt ist. Allerdings ist die Echtheit des Dokuments nicht unbestritten. Eindeutig echt ist aber ein Brief des römischen Bischofs Innozenz I. an den Bischof Exuperius von Toulouse aus dem Jahre 405, in welchem sich derselbe Kanon befindet. Drei afrikanische Synoden (393, 397 und 419) legen den gleichen Kanon fest, allerdings die beiden ersten hinsichtlich des Hebräerbriefes nur unter Vorbehalt. Der hatte es im Westen ebenso schwer wie die Johannesoffenbarung im Osten.

Alle diese Beschlüsse und Erklärungen waren zwar rechtsverbindlich nur für Ägypten, Italien und Afrika, galten aber faktisch auch in den übrigen Kirchengebieten. Denn jene angeführten Beschlüsse legten ja nur das fest, was im großen und ganzen ohnehin der Brauch war. Es gibt jedoch bis heute Ausnahmen. Das Neue Testament der ostsyrischen Kirche der sog. Nestorianer enthält nur 22 Büchern. Die Nestorianer haben sich auf der dritten ökumenischen Synode von Ephesus 431 von der übrigen Christenheit getrennt.

Als kanonisch galten diejenigen Bücher, aus denen im Gottesdienst der Gemeinde vorgelesen wurde. Denn im Gottesdienst sollen ja Lehre und Bekenntnis der Kirche erkennbar werden, und daß dabei die heilige Schrift die Schlüsselstellung einnimmt, verstand sich von selbst. Den Kern des Kanons machen von Anfang an die vier Evangelien und die 13 Briefe aus, die sich selbst als Paulinisch bezeichnen. Der Hebräerbrief wurde nach und nach als Paulinisch angesehen, so daß man dann 2mal sieben = 14 Paulinische Briefe zu besitzen meinte. Außer dem Hebräerbrief im Westen und der Johannesoffenbarung im Osten waren auch die sieben sog. katholischen Briefe nicht alle von vornherein im Kanon. Andererseits tauchen in manchen älteren Verzeichnissen einzelne frühchristliche Schriften auf, die schließlich nicht in den Kanon kamen. Zwei von ihnen führt ja Athanasius als unkanonisch, aber lesenswert an. Sie sind aber bis heute erhalten geblieben. Es gab also zwei Kernbestandteile und einen unscharfen Rand.

Neben dem Gebrauch als gottesdienstliche Lesung war für alle Schriften außer den vier Evangelien die apostolische Verfasserschaft nicht wichtig. Alle Briefe und die Johannesoffenbarung galten freilich als von Aposteln verfaßt. Für die Evangelien war das nicht nötig und auch nicht möglich. Dort hörte man ja den Herrn selbst. Außerdem versuchte man die Evangelisten so nahe wie möglich an den Herrn oder die Apostel heranzurücken. Der Verfasser des Matthäusevangeliums galt ohnehin als Jünger Jesu wegen Matth 9,9. Markus hielt man für den Dolmetscher des Petrus, Lukas für den Begleiter des Paulus, und in dem Lieblingsjünger des vierten Evangeliums sah man auch den Verfasser dieses Buches und identifizierte ihn mit dem Jünger Johannes.

Das älteste uns bekannte Kanonverzeichnis entdeckte Muratori, der Bibliothekar der Ambrosianischen Bibliothek in Mailand im Jahre 1740. Dieses Verzeichnis führt diejenigen Bücher auf, die um 200 in den italienischen Gemeinden als kanonisch galten, nämlich: die vier Evangelien, die Apostelgeschichte, die dreizehn Briefe, die Paulus als Verfasser nennen, Judasbrief, zwei der drei Johannesbriefe, die Johannesoffenbarung, aber auch eine andere Offenbarung, die wir zwar auch heute besitzen, die jedoch dann nicht mehr im Kanon steht, nämlich die Petrusoffenbarung. Andererseits fehlen im Kanon Muratori der Hebräerbrief, die Petrusbriefe, der Jakobusbrief und ein Johannesbrief. Vom Anfang des 3. Jahrhunderts haben wir Schreiben christlicher Verfasser aus Rom, aus Ägypten und aus Afrika, die nicht genau die gleichen Bücher als kanonisch anführen, aber die vier Evangelien, die Apostelgeschichte und die Paulusbriefe sind immer dabei. Hinsichtlich der sog. katholischen Briefe, also derjenigen, die nicht unter dem Namen des Paulus laufen wird nur der I.Johannesbrief von allen angeführt, während die anderen sechs und die Johannesoffenbarung unterschiedlich bewertet werden.

In der syrischen Kirche bediente man sich lange Zeit anstelle der vier Evangelien einer Evangelienharmonie, die von Tatian, auch noch in der Zeit, in der Tatian selbst auf der Ketzerliste stand. Er hatte die vier Evangelien griechisch so zusammengeschrieben, daß daraus eins wurde. Auch als diese Evangelienharmonie längst aus dem kirchenamtlichen Gebrauch gekommen war, wurde sie benutzt, abgeschrieben und übersetzt. Der Fuldaer Abt Hrabanus Maurus, den man wohl als den ersten deutschen Gelehrten bezeichnen kann, hat um 830 einige Mönche beauftragt, die lateinische Übersetzung dieser Evangelienharmonie in den ostfränkischen Dialekt des Althochdeutschen zu übersetzen. Diese Übersetzung ist jetzt in St. Gallen. Das griechische Original ist nicht mehr vorhanden. Es gibt aus dem Mittelalter noch andere Evangelienharmonien.
Aus alledem ergibt sich, daß es während des zweiten Jahrhunderts in den Christengemeinden einen Begriff des neutestamentlichen Kanons gab, einen Begriff, d.h. daß es neben dem Alten Testament bestimmte christliche Schriften geben mußte, die allgemein verbindlich, also als heilige Schriften anzusehen sind. Das ist aber nur der Begriff; eine Übereinkunft darüber, um welche Schriften es sich dabei handeln könnte, gab es nicht. Immerhin war man sich darüber einig, daß die vier Evangelien und diejenigen Briefe, die unter dem Namen des Apostels Paulus liefen, als kanonisch zu gelten haben. Die Frage ist nur, warum und wie die Christen des zweiten Jahrhunderts darauf gekommen sind.

Dazu müssen wir des Mannes gedenken, der als das Urbild eines Ketzers durch die Kirchengeschichte geistert, nämlich Markions. Er war ein reicher Reeder in Sinope am Schwarzen Meer und gehörte zu der dortigen Gemeinde. Um 140 kam er nach Rom, wo er seine Lehre entwickelte, die an die Gnosis erinnert, aber nicht eigentlich gnostisch war. Es ist die Lehre von den zwei Göttern. Von dem einen, dem grausamen und strengen Gesetzesgott der Juden, der die materielle Welt geschaffen hat, kündet das Alte Testament. Jesus verkündet einen andern, bis dahin unbekannten Gott, den Gott der Gnade und der Liebe. Er ist der Vater Jesu Christi. Ihm dienten Markion und seine Anhänger mit strenger Askese. Die römische Gemeinde schloß ihn ungefähr im Jahre 144 aus, aber als tüchtiger Organisator sammelte er eine eigene Gemeinde. Die Marcionitische Kirche hat noch Jahrhunderte in vielen Ländern um das Mittelmeer herum bestanden.

Für sie hat Markion eine heilige Schrift geschaffen, welche an die Stelle des Alten Testaments trat, das dadurch erst ein altes, nämlich überholtes Testament wurde. Markions Kanon enthielt ein von ihm in seinem Sinne „gereinigtes“ Lukasevangelium und zehn Paulusbriefe. Die Frage ist nun: 1.hatten die anderen Gemeinden damals schon einen Kanon christlicher Schriften neben dem Alten Testament in Gebrauch, den Markion aufgriff und änderte, um ihn samt dem Alten Testament durch seinen Kanon zu verdrängen? Oder:2. wurde damals noch keine christliche Schrift von den Christen als kanonisch angesehen, weil man das Alte Testament für völlig ausreichend hielt? In diesem letzteren Fall wäre Markion überhaupt der Erfinder eines spezifisch christlichen Kanons gewesen. Das aber konnten die christlichen Gemeinden nicht auf sich beruhen lassen. Sie mußten dann dem Kanon Markions einen eigenen entgegensetzen, der aber nicht das Alte Testament verdrängen sondern ergänzen sollte. Diese beiden Möglichkeiten sind bis heute umstritten, aber soweit ich sehe, neigt die Mehrzahl der Fachleute der ersten Möglichkeit zu.

In den uns vorliegenden Quellen aus der Zeit vor Markion ist kein Hinweis auf so etwas wie einen Kanon zu finden. Man muß dabei unterscheiden zwischen einer Sammlung frühester christlicher Schriften, für die im Unterschied zu anderen Schriften kanonischer Rang beansprucht wird und Sammlungen früher Schriften wie der Paulusbriefe oder der vier Evangelien, ohne daß diese Sammlungen kanonische Geltung im eben genannten Sinne haben. Von einer kanonischen Sammlung verschiedener Schriften ist auch zu unterscheiden, daß einzelne Schriften sich alleine als Offenbarungsschriften verstehen, was für das Matthäusevangelium, das vierte Evangelium und die Johannesoffenbarung zutrifft. Dabei verstehen sich die beiden erstgenannten als ausschließliche Offenbarungsschriften und nicht als Bestandteile einer Sammlung von mehreren Offenbarungsschriften.

Sicher ist, daß es bereits spätestens um 100 die Sammlung derjenigen Briefe gab, die unter dem Namen des Apostels Paulus liefen. David Trobisch hat 1989 eine ganz subtile Untersuchung veröffentlicht, in der er die Existenz einer solchen Sammlung nachweist. Es hat auch vorher und nachher solche Sammlungen von Briefen bedeutender Persönlichkeiten gegeben: von Platon, Cicero, Cyprian, Augustinus u.a.. Dabei hat Trobisch festgestellt, daß der ursprüngliche Wortlaut der einzelnen Briefe bei ihrer Zusammenstellung in einer Sammlung mehr oder weniger verändert, rezensiert worden ist. Das ist auch bei den Paulusbriefen zu beobachten. Wir werden später darauf zurückkommen. Manche dieser Veränderungen kann man textkritisch nachweisen. Ja, Trobisch hält es für wahrscheinlich, nicht für sicher beweisbar, daß die erste Rezension der Paulusbriefe von Paulus selbst vorgenommen worden ist. Das ist eine sog. Autorenrezension. Ob es auch vor der Bildung eines Kanons schon eine Vierevangeliensammlung gegeben hat oder ob diese Zusammenstellung erst erfolgt ist, als man einen Kanon schuf, ist umstritten.