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Der Judasbrief


Einleitung

Wir haben eine heftige Auseinandersetzung mit Irrlehrern vor uns. Diese Irrlehrer werden Vers 4 zwar als „eingeschlichen” bezeichnet, aber tatsächlich geht es um Leute aus der Gemeinde selbst. Laut Vers 12 nehmen sie an den Liebesmahlen der Gemeinde teil. Vorgeworfen werden ihnen nicht nur falsche, von der Tradition abweichende Lehren (Vers 4.8.10.11), sondern auch Unmoral (Vers 4.8.12), aber der Vorwurf der Unmoral gehört zur Ketzerpolemik und kann nur recht teilweise ernst genommen werden. Man erfährt inhaltlich wenig über die angegriffene Irrlehre, aber auch die Mahnung zum Festhalten an der Überlieferung geht auf den Inhalt der Überlieferung nicht ein. Die Absicht, welche der Verfasser mit seinem Schreiben verfolgt besteht darin, dass man sich von diesen Leuten trennen soll. Dabei bewirken nicht diejenigen eine Spaltung (Schisma) der Gemeinde, die sich von den Irrlehrern trennen, sondern gerade diese sind es, welche durch ihre fremden Lehren die Gemeinde spalten (Vers 19). Ihr Auftreten ist ein Zeichen des nahen Endes (Vers18), das den wahrhaft Glaubenden das Heil, den Gottlosen und darunter besonders den Irrlehrern ein furchtbares Strafgericht bringen wird (Vers 7.11.13.15). Gerade das Auftreten der Irrlehrer, der „Spötter” ist für den Verfasser eine Bestätigung seiner Naherwartung, also seiner Erwartung eines nahen Endes aller Dinge.

So unbestimmt auch die Aussagen über die Lehre sind, welche der Verfasser bekämpft, lassen sich doch einige Beobachtungen machen, welche darauf führen, dass es sich um Gnostiker handelt. Das sind Leute, welche die Schöpfung der sinnlich wahrnehmbaren Welt nicht dem höchsten und wahren Gott, sondern einem untergeordneten, ja dem höchsten Gott feindlichen Demiurgen zuschreiben, den sie auch für das Schicksal, das fatum, verantwortlich machen (Vers16). Indem sie bestreiten, dass der höchste Gott der Weltenschöpfer ist, lästern sie auch dessen himmlische Mächte, die Engel (Vers8). Der Verfasser teilt aber mit ihnen die Lehre vom urzeitlichen Sturz der ungehorsamen Engel (Vers 6), ebenso wie die Einteilung der Menschen in Psychiker (Seelische), die dem Irdischen verhaftet sind, und Pneumatiker (Geistliche), die den Geist Gottes haben. Die Gnostiker sahen sich als die Letzteren, während sie die nichtgnostischen Christen als Psychiker denunzierten. Der Verfasser kehrt das um: für ihn sind die Gnostiker die Psychiker, also solche, welche den Geist nicht haben (Vers 19). Unter den Gnostikern gab es auch libertinistische Gruppen, für welche die Gebote oder überhaupt das Sittengesetz verwerflich, weil Anordnungen des Demiurgen waren, und die deshalb zu unsittlichen Ausschweifungen neigten. Doch diese sind wohl eher Randerscheinungen in der gnostischen Bewegung gewesen. Überwiegend ist eher die Askese für die Gnostiker charakteristisch gewesen. Hat der Verfasser etwa wirkliche libertinistische Gnostiker vor Augen gehabt oder ist sein Vorwurf der Unmoral nur die bequeme Weise, Gegner unmöglich zu machen? Dies lässt sich ebenso wenig klären, wie die Frage, mit welcher der verschiedenen gnostischen Schulrichtungen es der Verfasser zu tun hatte.

Jedenfalls kommen wir mit der Datierung dieses Schreibens frühestens in die Zeit um 100, wahrscheinlich etwas später. Das Schreiben zeigt aber andererseits, dass eine definitive Trennung der gnostischen Gruppen von den nichtgnostischen christlichen Gemeinden noch nicht erfolgt ist. Der gleiche Befund gilt auch für die Auseinandersetzung, welche die Pastoralbriefe (Timotheus, Titus) mit der Gnosis geführt haben.

Der Verfasser ist unbekannt. Der Name Judas ist pseudonym. Er gibt sich als Bruder des Jakobus aus, womit Jakobus der Gerechte, der Bruder des Herrn gemeint ist. Damit stellt er sich als leiblicher Bruder Jesu vor, ohne dies ausdrücklich zu sagen, vermutlich deshalb, weil Jesus für ihn und viele seiner christlichen Zeitgenossen in solche Höhen entrückt ist, dass man von leiblicher Verwandtschaft nicht sprechen kann oder darf. Indem sich aber der Verfasser – wenn auch verdeckt – als Herrenbruder zu erkennen gibt, so liegt darin zugleich der Anspruch auf Autorität. Mit dem Namen des Judas verbindet sich aber noch mehr. Der Bischof Euseb von Caesarea (4.jahrhundert) teilt im 1. Buch seiner Kirchegeschichte (Kap.11) einen syrischen Bericht mit, in dem es heißt. „Nach der Himmelfahrt Jesu sandte Judas, der auch Thomas genannt wurde, den Apostel Thaddäus, einen der Siebzig zu Abgar.” Dabei ist nicht Abgar von Edessa für uns von Belang, sondern die Gleichsetzung von Judas und Thomas. In den gnostischen Thomasakten, deren Endredaktion zwar erst ins 5. Jahrhundert fällt, die aber älteres Material verarbeitet hat, wird gleich im ersten Kapitel erzählt, wie die Missionsgebiete der Erde durch Los auf die Apostel verteilt wurden. „Nach dem Lose”- heißt es da – „ kam nun Indien an Judas Thomas,” Auch hier wird Judas mit Thomas gleichgesetzt. Thomas ist aber für die Gnosis ein wichtiger Zeuge, wie zwei Handschriften aus Nag Hammadi zeigen: das Thomasevangelium (NHC II2) und das Thomasbuch (NHC II7). In unserm Brief erscheint aber Judas = Thomas als Gegner der Gnosis und Vertreter kirchlicher Tradition. Deutet das nicht auf die Absicht, den Gnostikern ihren bedeutendsten Gewährsmann wegzunehmen?

Das älteste Kanonsverzeichnis, das wir kennen, der Canon Muratori aus der Zeit um 200, führt auch den Judasbrief auf. Dieses Verzeichnis zeigt aber auch, dass damals hinsichtlich der Abgrenzung des Kanons noch einiges im Fluss war. Das gilt erst recht für den Judasbrief selbst, der sich auf eine jüdische Apokalypse, nämlich den Äthiopischen Henoch, als auf eine prophetische Schrift beruft. Bald nach 200 führt Clemens von Alexandria den Judasbrief an, weshalb man meist annimmt, der Brief sei in Alexandria entstanden. Allerdings kennt ihn auch etwa gleichzeitig der in Karthago lebende Tertullian.

Übersetzung

Der Ausgangstext der Übersetzung ist Nestle-Aland, Novum Testamentum Graece, 27. Auflage, Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart

(1)Judas[01], Sklave[02] von Jesus Christos, Bruder des Jakobos[03] an die in Gott geliebten und für Jesus Christus bewahrten[04] Berufenen; (2) Erbarmen für euch und Friede und wachsende[05] Liebe.

(3) Geliebte, ich beeile[06] mich, euch wegen unseres gemeinsamen Heils zu schreiben, und zwar musste ich euch schreiben, indem ich ermahne, für den ein für allemal den Heiligen überlieferten[07] Glauben zu kämpfen[08]. (4) Denn einige leute haben sich eingeschlichen[09], die vor alters für dieses Strafgericht aufgeschrieben wurden, Gottlose, welche die Gnade unseres Gottes in Ausschweifung[10] verkehrt haben und unsern einzigen Gebieter[11] und Herrn Jesus Christus verleugnen[12].

(5) Ich will euch erinnern[13], weil ihr alles wisst, dass der Herr[14], nachdem er einmal[15] ein Volk aus dem Lande Ägypten gerettet hatte, das zweite Mal diejenigen, die nicht glaubten vernichtete[16], (6) und Engel, die ihre eigene hohe Stellung nicht bewahrt haben, sondern ihren eigenen Sitz verließen[17], hat er für das Gericht des großen Tages in ewigen Fesseln[18] unter Finsternis verwahrt[19], (7) Wie Sodoma und Gomorra und die Städte ringsum, die Unzucht getrieben hatten und fremden Fleisch nachstellten[20], werden uns als Beispiel vorgestellt für das Erleiden des Urteils des ewigen Feuers.

(8) Ebenso die Träumer, die das Fleisch beflecken[21], Herrschaft ablehnen[22] und die Herrlichkeit lästern. (9) Als aber der Erzengel Michael sich im Streit mit dem Teufel wegen des Leichnams des Mose auseinandersetzte, wagte er nicht, eine Verurteilung der Lästerung herbeizuführen[23], sondern sprach: „Der Herr weise dich zurecht[24].” (10) Sie aber lästern das , was sie nicht kennen, was sie auf natürliche Weise wie die unvernünftigen Lebewesen erkennen, darin gehen sie zugrunde[25]. (11) Wehe ihnen, denn sie schreiten auf dem Wege Kains[26], und durch die Verführung mit dem Lohne Balaams[27] werden sie ausgeschüttet, und durch die Auflehnung Kores[28] gehen sie zugrunde.(12) Sie sind es, die als Schandflecken bei euren Liebesmahlen ohne Scheu mit geschmaust haben[29], die sich selbst weiden[30], vom Winde getriebene wasserlose[31] Wolken[32], spätherbstliche Bäume ohne Frucht, zweimal gestorben, wurzellos, (13) wilde Meereswogen, die ihre Schande empor spritzen[33], irrende Sterne[34], für die das Dunkel[35] der Finsternis in Ewigkeit bewahrt wird[36].

(14) Denen hat auch der Siebente von Adam an, Henoch[37], vorhergesagt indem er sprach: [38]„Siehe, der Herr ist mit seinen heiligen Zehntausenden gekommen, (15) um Gericht zu halten” gegen das All und jede Seele hinsichtlich ihrer taten der Gottlosigkeit, mit denen sie gefrevelt haben und wegen all der Härten, die sie gegen ihn als gottlose Sünder ausgesprochen haben[39]. (16) Es sind die unzufrieden Murrenden, die sich auf Grund ihrer Begierden[40] bewegen, und ihr Mund redet Hochtrabendes[41], die wegen eines Vorteils das Ansehen einer Person[42] bewundern.

(17) Ihr aber, Geliebte, erinnert euch der von den Gesandten unseres Herrn Jesus Christus vorher gesagten Worte[43], (18) denn sie haben euch gesagt, dass es in der letzten Zeit Spötter[44] geben wird[45], die sich auf Grund ihrer eigenen, der Gottlosen, Begierden bewegen[46], (19) die sind es, die abtrennen, Seelische[47], die den Geist nicht haben.

(20) Ihr aber, Geliebte, baut euch auf[48] durch euren allerheiligsten Glauben, betend[49] im heiligen Geiste, (21) bewahrt euch selbst in Gottes Liebe, und erwartet das Erbarmen[50] unseres Herrn Jesus Christus zum ewigen Leben.(22) Erbarmt euch auch der Zweifelnden! (23) Derjenigen aber, welche ihr rettet, indem ihr sie dem Feuer entreißt[51], derer erbarmt euch in Furcht, indem ihr das vom Fleisch beschmutzte Gewand[52] hasst.

(24) Dem aber, der euch bewahren kann[53] ohne Straucheln und dass ihr vor seiner Herrlichkeit makellos[54] und mit Jubel steht, (25) dem einzigen Gott und unserm Retter durch unsern Herrn Jesus Christus Herrlichkeit, Größe, Kraft und Macht vor aller Ewigkeit und jetzt und in alle Ewigkeiten, amen.[55]

[01] V: Matth 13,55=Marc 6,3 I.Kor 9,5
[02] V: Röm 1,1 Phil 1,1 Jac 1,1
[03] V: Jac 1,1
[04] V: I.Joh 5,18
[05] V: II.Petr 1,2
[06] V: II.Petr 1.5
[07] V: II.Petr 2,21
[08] V: I.Kor 9,25 I.Tim 1,18;6,12 II.Tim 4,7 Hebr 12,1
[09] V: Gal 2,4
[10] V: II.Petr 2,2
[11] V; Jdt 9,12 Luc 2,29 Apgesch 4,24 II.Petr 2,1
[12] V: Äth Hen 48,10 Matth 10,33=Luc 12,9 II.Tim 2,12 I.Joh 2,22
[13] V: II.Petr 1,12
[14] T: Einige wichtige alte Handschriften lesen statt „der Herr“: „Jesus“
[15] Ü: …weil ihr ein für allemal alles wisst, dass der Herr, nachdem er ein Volk aus dem Lande Ägypten gerettet hatte…
[16] V: Nu 14,29-37 I.Kor 10,5 Hebr 3,17-19
[17] V: Gen 6,1-4 Ijob 43,21(LXX) Äth Hen 10,4-5. 11-14; 12,4.6; II.Petr 2,4.9
[18] V: OffbJoh 20,1
[19] V: Äth Hen 10,6; 22,11
[20] V: Gen 19,4-25 Matth 10,15 Röm 9,29 II.Petr 2,6. 10
[21] V: II.Petr 2.10
[22] V: Luc 10,16 Joh 12,48 I.Thess 4,8
[23] V: II.Petr 2,11
[24] V: Sach 3,2
[25] V: II.Petr 2,12
[26] V: Gen 4,8
[27] V: Nu 22-24; 25,1.3; 31,16 Deut 23,5 Neh 13,2 OffbJoh 2,14
[28] V: Nu 16
[29] V: II.Petr 2.13
[30] V: Hes 34,8
[31] V: II.Petr 2,17
[32] V: Spr 25,14
[33] V: Jes 57,20 Weish 14,1
[34] V: Äth Hen 18,15-16
[35] V: II.Petr 2,17
[36] V: Äth Hen 21,5-6
[37] V: Gen 15,21-22 Äth Hen 60,8; 93,3
[38] V: Äth Hen 1,9 Deut 33,2 Matth 25,31
[39] V: Mal 3,13 Matt 12,36
[40] V: Vers 18 II.Petr 2,10
[41] V: Dan 11,36 (Griech. Übersetzung Theodotions) Äth Hen 5.4 II.Petr 2,18
[42] V: Lev 19,15 Deut 16,19
[43] V: II.Petr 3,2
[44] V: Jes 3,4 (LXX)
[45] V: I.Tim 4,1 II.Tim 3,1 II.Petr 3.3
[46] V: Vers 16
[47] V: I.Kor 2,14; 15,44-46 Jac 3,15
[48] V: I.Kor 14,26 Eph 2,21-22 4,12 Kol 2,7 I.Thess 5,11 I.Petr 2,5
[49] V: Eph 6,18
[50] V: II.Tim 1,18
[51] V: Am 4,11 Sach 3,2
[52] V: Sach 3,4 OffbJoh 3,4
[53] V: Röm 16,25 Eph 3,20
[54] V: II.Petr 2,3; 3,14
[55] V: IV.Mcc 18,24 Röm 11,36 Gal 1,5 Eph 3,21 Ph 4,20 I.Tim 1,17 II.Tim 4,18 Hebr 13,21 I.Petr 4,11 II.Petr 3,18 OffbJoh 1,6