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Die Hypothesen über den Enneateuch

Nach der Vorstellung von Zenger wurde in Jerusalem die Priesterschrift mit einem älteren Geschichtswerk, welches das Urdeuteronomium, also die Kapitel 12 bis 21 des V.Buches Mose sowie die Bücher Josua, Richter, Samuel und Könige enthielt zum Enneateuch zusammengearbeitet. Dazu waren nicht nur Verbindungsstücke zu schaffen, sondern der Stoff der Priesterschrift selbst ist auch noch erweitert worden. Das dürfte um 450 v. Chr. geschehen sein. Alles das, was vor der Priesterschrift verfaßt wurde, muß im Exil entstanden sein, und dafür konnte man auf Stoffe zurückgreifen, die noch vorexilisch sind. Darüber besteht Einigkeit. Dieses Werk, eben der Enneateuch, lag den Redaktoren des Tanak um 400 vor.

Einig ist man sich auch darüber, daß für die Formierung der im Exil entstandenen Darstellung das V.Buch Mose, das Deuteronomium eine entscheidende Rolle gespielt hat, genauer gesagt das Urdeuteronomium, welches auf dem Bundesbuch und dem Dekalog fußt wie die Priesterschrift auf dem Heiligkeitsgesetz fußt. Die Verbindung, welche vorher zwischen dem IV.Buch Mose als dem Abschluss der Wüstenwanderung und der Fortsetzung, nämlich der Landnahme, wird durch das Deuteronomium unterbrochen. Die vor-und nichtpriesterliche Theologie des Deuteronomiums wurde maßgeblich für die Bearbeitung der folgenden Bücher des Enneateuch. Das endet in II.Kön 25 mit dem Beginn des Exils. Im Sinne des Deuteronomiums ist das Exil die Folge, die Strafe für die Sünden Judas in der Königszeit, wie vorher das Exil der Nordstämme, also Israels, im Jahre 722 die Folge der Sünden der Nordstämme war. Diese Sünde besteht in der immer wiederkehrenden Übertretung des 1. Gebotes, nämlich der Verehrung fremder Götter, welche die sozialen Ungerechtigkeiten nach sich zog. Was im Exil geschrieben und zusammengestellt worden ist, war begreiflicherweise das Suchen nach einer Antwort auf die Frage, warum Gott sein Volk aus dem Lande vertrieben hat, das er ihm verheißen hatte. Die Antwort war, daß der Besitz des Landes bedingt ist durch das Halten des Gesetzes Gottes, und das hatte man verlassen. Bei der Rückkehr aus dem Exil war die Priesterschaft bestrebt, das Volk beim Gesetz Gottes zu halten, und das wurde im wesentlichen kultisch verstanden – daher die Priesterschrift. Da es aber die im Exil keinen Kult und keinen Tempel gegeben hat, hatte sich ein weniger priesterliches Gesetzesverständnis entwickelt, das sich in der exilischen Literatur niedergeschlagen hatte. Die Verbindung dieser Literatur mit der Priesterschrift sollte deshalb einem Ausgleich dienen.

Freilich war auch die exilische Literatur nicht priesterfeindlich. In ihr spielte ja das Deuteronomium eine wesentliche Rolle. Wenn man dessen Kapitel 12 bis 26 als das Urdeuteronomium betrachtet, dann zeigt sich, daß auch dieses Stück erst das Ergebnis eines längeren Prozesses ist. Innerhalb dieses Stückes gibt es ältere und jüngere Teile, und bei den älteren handelt es sich um jenes Buch, von dem II.Kön 22 bis 23 die Rede ist. Dort wird erzählt, daß man im Jahre 621 unter König Josia von Juda ein Gesetzbuch gefunden und das der König sogleich in die Tat umgesetzt habe. Es geht darin um soziale Regelungen betreffend die Sklaven, das Erlassjahr, den Zehnten, das Gerichtswesen usw., vor allem aber um die Kultzentralisation, d.h. daß es nur einen Tempel, nur eine Opferstätte geben darf, nämlich in Jerusalem. Alle anderen Heiligtümer, die ja immer wieder die Einfallspforte für den Götzendienst waren, mussten aufgehoben werden. Damit war aber die Aufgabe gestellt, die nunmehr „arbeitslos“ gewordenen Landpriester zu versorgen. Ihre Versorgung wurde geregelt. Sie waren nun die Gehilfen der Jerusalemer Priester, die Leviten. Entscheidend ist bei alledem die Verehrung des einen einzigen Gottes an einem einzigen Heiligtum, wovon man sich das Ende des immer wieder auftretenden Götzendienstes versprach.

Vor 60 Jahren hat Martin Noth die Theorie entwickelt, daß es ein von V.Mose 1 bis II.Kön 25 reichendes Geschichtswerk gegeben habe, das deshalb als deuteronomistisches Geschichtswerk bezeichnet wird, weil es unter dem Einfluß der Theologie des V.Buches Mose redigiert worden sei. Reinhard G.Kratz bestreitet, daß es eine solche einheitlich durchgehende Redaktion geben habe. Er hat in einer minutiösen Untersuchung alle erzählenden Werke des Tanak überprüft und ist dabei zu einem Ergebnis gelangt, das ihn von Erich Zenger unterscheidet. Zenger und andere rechnen allgemein mit verschiedenen Quellen, die nach und nach zusammengearbeitet worden sind. Man nennt dies das Blockmodell. Kratz hingegen rechnet mit laufenden Aktualisierungen in Gestalt von Fortschreibungen, dies nicht nur in V.Mose 1 bis II.Kön 25, sondern auch bei den ersten vier Büchern Mose und bei dem sogenannten chronistischen Geschichtswerk (I.,II.Chronik, Esra und Nehemia.). Es legt sich also überall Schicht auf Schicht übereinander, weshalb man diese Vorstellung als Schichtmodell bezeichnet.

Wie das Im Einzelnen ausgesehen hat, können wir hier nicht erörtern. Es gilt aber, einiges festzuhalten. Was die heimkehrenden Exulanten nach ihrer Befreiung im Jahre 536 aus Babylon mitgebracht haben ist die älteste Geschichtsschreibung der Menschheit überhaupt. Der Grieche Herodot, der allgemein als „Vater der Geschichtsschreibung“ bezeichnet wird, lebte hundert Jahre später. Weiterhin ist unbestreitbar, daß die Priesterschrift nachexilisch und sozusagen das Programm für die nachexilische Gemeinde sein sollte. Schließlich ist man sich darüber einig, daß die Priesterschrift dann mit dem verbunden worden ist, was im Exil entstanden war. Wie dieser Vorgang von sich gegangen ist, wie man die Teile voneinander abgrenzen kann und woher die Stoffe stammen, daran scheiden sich Block- und Schichtmodell. Doch auch innerhalb der Vertreter der beiden Richtungen gibt es im Einzelnen unterschiedliche Meinungen. Meine persönliche Vorliebe gilt dem Schichtmodell. Denn dieses hat Kratz durch eine penible Untersuchung gründlicher begründet als man es bei den Vertretern des Blockmodells finden kann. Außerdem findet das Schichtenmodell bei den Büchern der sog. hinteren Propheten eine Bestätigung.