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Die Exilspropheten

Jeremia

müsste nach dem vorher Gesagten ein Zeitgenosse Habakuks sein, der aber bis in die Exilszeit hinein gewirkt hat. 598 entführten die Babylonier den König Jojakin, den gerade in diesem Jahr Nachfolger seines eben verstorbenen Vaters Jojakim geworden war, und viele Angehörige der Oberschicht nach Babylon (erstes Exil). Der abgesetzte König lebte dann am babylonischen Hofe (II.Kön 25,30). Tatsächlich hat man in Babylon eine Tontafel gefunden, welche eine Lebensmittellieferung an Jojakin registriert. Sein Onkel Mattanja wurde von den Babyloniern als Nachfolger eingesetzt.  Der babylonische König Nebukadnezar gab ihm einen andern Namen: Zedekia. Weil der ein antibabylonisches Bündnis mit Ägypten schloß, gegen das Jeremia protestierte, zogen die Babylonier wieder gegen Jerusalem, zerstörten Stadt und Tempel und entführten einen erheblichen Teil der Juden. Zedekia und seine Söhne wurden grausam umgebracht. Der von den Babyloniern eingesetzte Statthalter über das Land Juda namens Gedalja fiel einem Attentat zum Opfer. Die Attentäter flohen nach Ägypten, und aus Furcht vor der Rache der Babylonier folgten ihnen viele Leute. Jeremia verkündete ihnen einen Gottesspruch, demzufolge sie im Lande bleiben sollten. Sie hörten nicht darauf, sondern zwangen den Propheten, mit ihnen nach Ägypten zu fliehen (II.Kön 25,22-26). Dort ist er irgendwann gestorben.

Hesekiel ben Busi,

nach der Vulgata auch Ezechiel genannt, gehörte zu denjenigen, die beim ersten Exil nach Babylonien deportiert wurden. Dort lebte er in der Exulantensiedlung Tell Abib am Kanal Kebar. Dort wurde er am 31. Juli 593 zum Propheten berufen (Hes 1,1-3). Er und seine Leidensgenossen wie auch die beim zweiten Exil Weggeführten lebten nun im fremden, im nicht verheißenen Lande und ohne Tempel. Der Opferkult konnte nicht vollzogen werden. Das war für die Betroffenen schwer zu bewältigen. So kam es hier zum ersten Mal in der Geschichte zum opferlosen, geistigen Gottesdienst. Die Synagogen kamen als die Stätten dieses Wort-Gottesdienstes auf. Die Unterscheidungsmerkmale der Juden gegenüber den anderen gewannen eine erhöhte Bedeutung: der Schabbat und die von Hesekiel allerdings nicht erwähnte Beschneidung. Nicht nur diese Neuorientierung, sondern auch die Frage nach der Schuld, welche zum Exil geführt hat, beschäftigte die Gemüter, und Hesekiel gab Antworten auf die Fragen.  Dabei wird die kollektive Schuld sozusagen von der Bedeutung der individuellen Schuld oder Unschuld überboten. Der Prophet bestreitet die Berechtigung des Sprichworts: Die Väter haben saure Trauben gegessen, aber den Kindern sind die Zähne davon stumpf geworden (18,2),d.h. weil die Väter gesündigt haben, mussten die Kinder ins Exil. Nein, jeder ist für seine eigene Schuld haftbar. Er kann sich für das, was ihm Schlimmes widerfährt, nicht damit herausreden, daß er selbst das gar nicht verdient habe, sondern daß es die Schuld der Vorfahren sei. Das gilt auch kollektiv für die Generationen.  Umgekehrt kann aber auch niemand für das Versagen der Väter behaftet werden.  Das ist eine heute wieder höchst aktuelle Angelegenheit. Weiterhin: wenn der Gottlose wegen seiner Sünden gewarnt wird und sich daraufhin ändert, so wird er gerettet. Wenn andererseits der Fromme gottlos wird, so nützt ihm seine frühere Frömmigkeit nichts. Wenn der Prophet den Gottlosen nicht warnt und der Gottlose sich daraufhin nicht bekehrt, so muß er sterben, aber von dem Propheten wird Gott sein Blut fordern.

Es gibt im Hesekiel-Buch Entrückungsszenen, die den Auslegern viel Kopfzerbrechen bereiten. Durch diese Entrückungen bewegt sich der Prophet hin und her zwischen Tell Abib und Jerusalem. Er sieht im Tempel in Jerusalem den Götzendienst, der dort unter Zedekia eingerissen ist und sagt das dann tatsächlich eintretende zweite Exil und die Zerstörung von Stadt und Tempel, wie Jeremia, voraus, aber auch die künftige Rückkehr und  schaut den neuen Tempel  und die künftige Gottesstadt (40-48).

Obadja

gilt als derjenige, dessen Predigten in dem kleinsten Buch des Tanak enthalten sind. Es umfasst nur ein Kapitel. Es handelt sich bei ihm um einen sog. Kultpropheten, der aber zu einer Zeit aufgetreten ist, als der Kult nicht mehr vollzogen werden konnte, also nach 587. Auch bei ihm stoßen wir auf die nahe liegende Frage nach Grund und Zweck der Katastrophe. Wir finden in diesem Büchlein Heilsankündigungen für die Juden und Ankündigung des Unheils für die Nachbarvölker, die von der Katastrophe Judas zu profitieren meinen.

Deuterojesaja

ist die Bezeichnung für einen namenlosen Propheten, dessen Predigten an das ursprüngliche Jesajabuch in Kapitel 40 bis 55 angehängt sind. Er muß gegen Ende des Exils gewirkt haben. Eben dieses Ende und damit die Heimkehr der Juden kündigt er an.  536 eroberten die Perser unter ihrem König Koresch, griechisch Kyros, die Stadt Babylon und ließen alle die verschleppten Völker, so auch die Juden in ihre Heimat zurückkehren. 45,1 nennt ihn Gott „meinen Gesalbten“, Messias also. Der Prophet beschreibt die Heimkehr seines Volkes als Gottes Heimkehr in seine Stadt. Es ist ein Triumphzug durch die Wüste unter Gottes Führung. Tatsächlich hat sich das viel bescheidener abgespielt, und viele Juden hatten sich in Babylonien so häuslich eingerichtet, daß sie lieber da blieben, als in die verwüstete Heimat zurückzukehren. Eine Besonderheit Deuterojesajas sind die Lieder vom Gottesknecht, die den Auslegern bis heute dasselbe Kopfzerbrechen bereiten wie einst dem Kämmerer aus dem Mohrenlande von dem Lukas in der Apostelgeschichte erzählt, daß er den Evangelisten Philippus gefragt habe: „Ich bitte dich, von wem redet der Prophet das, von sich selber oder von jemand anderem?“ Das sagt er im Blick auf Jes 52,13 bis 53,12, das ja seit alters für die Passion Jesu herangezogen wird. Die anderen drei Gottesknechtlieder stehen 42,1-4; 49,1-6; 50,4-9.