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Die Gesetzescorpora

Auch ein oberflächlicher Bibelleser merkt, daß im II. und im IV.Buch Mose erzählende Blöcke mit gesetzlichen abwechseln, daß das II. und das V.Buch Mose im wesentlichen nur Gesetze enthält. Es lassen sich aus dem Ganzen bestimmte Gesetzesblöcke herauslösen, also Gesetzescorpora. Am bekanntesten sind die zehn Gebote, der Dekalog. Er ist zweimal zu finden:

II.Mose 20, 2-17 V.Mose 5,6-21

Es handelt sich um den ethischen Dekalog. Daneben gibt es aber einen andern Dekalog, der den Kultus grundsätzlich regelt:

II.Mose 23,10-19 II.Mose 34,11-26

Daß er zweimal erscheint, hat einen besonderen Grund. Er steht erst vor dem Götzendienst mit dem goldenen Kalb (II.Mose 32,1-6), dann danach. Denn Mose hatte die Gesetzestafeln beim Anblick des Götzendienstes im Lager zerbrochen. Er hielt das Volk nicht für würdig, Gottes Gesetz zu empfangen (32,19). Man denkt dabei natürlich und traditionell an die beiden Tafeln mit den zehn Geboten, den ethischen Dialog. Davon aber, daß die zehn Gebote auf Tafeln geschrieben seien, ist nirgends die Rede. Vielmehr folgen auf diesen ethischen Dekalog gesetzliche Bestimmungen (20,22-23,33). Dann lesen wir 24,4: Mose schrieb alle Worte Jahwes nieder. Das müßten doch die vorangehenden gesetzlichen Bestimmungen sein. Dann sagt Jahwe zu Mose (24,12):”Komm herauf zu mir auf den Berg und bleib daselbst, daß ich dir gebe die steinernen Tafeln, Gesetz und Gebot, die ich geschrieben habe, um sie zu unterweisen.” Jetzt hat Gott selbst die Tafeln beschrieben. Am Ende von Gesetz und Gebot (II.Mose 20, 22-31,17) steht noch einmal: Und als Jahwe mit Mose zu Ende geredet hatte auf dem Berge Sinai, gab er ihm die beiden Tafeln des Gesetzes; die waren aus Stein und beschrieben von dem Finger Gottes. Von diesen Tafeln ist dann noch an der schon angeführten Stelle 32,19 die Rede, wo erwähnt wird, daß Mos die Tafeln zerbrochen habe. 34,1soll Mose zwei neue Gesetzestafeln erhalten, die von Jahwe beschrieben sind. Das müsste doch das ganze Gesetzescorpus II.Mose 20, 22-31,17 sein.

Dagegen steht im V.Buch Mose hinter den zehn Geboten, die dort Kapitel 5,6-21 wiederholt werden, in Vers 22, daß dies die Worte seien, die Jahwe auf die Tafeln geschrieben habe. Schon vor 228 Jahren hat sich ein gründlicher Bibelleser mit der Frage befasst „Was stund auf den Tafeln des Bundes?” Das war Johann Wolfgang Goethe, in dessen Abhandlung „Zwo wichtige, bisher unerörterte biblische Fragen, zum ersten Mal gründlich beantwortet” diese Frage erörtert wird.

Man kann daraus schließen, daß hier Gesetzescorpora eingearbeitet worden sind, und die lassen sich herauslösen. Dabei kann man feststellen, daß hier auch wieder Parallelen vorliegen. II.Mose 20,22-23,33 nennt man das Bundesbuch. Dazu gibt es teilweise Entsprechungen im Heiligkeitsgesetz III.Mose 17-26 und zu diesem durchgehend im V.Buch Mose, dem Deuteronomium, 12,1-28.

Bundesbuch Heiligkeitsgesetz Deuteronomium
20,22-26 17 12,1-14,21 Opfer und Opferstätte
21,1-23,19 18-20 14,22-16,17 Kult-und Sozialgebote
21-22 16,18-18,22 Ämter
23-25 19-25 Kult- und Sozialgebote
23,20-33 26 27-28 Segen und Fluch

Im Rahmen des Pentateuch zu der nachexilischen Zeit, in der er zusammengestellt wurde, dienten diese Gesetze dem Zusammenhang des Volkes. Es sollte seine Einheit und Gemeinsamkeit im Kult in Jerusalem finden, und die sozialen Gesetze, natürlich mit Einschluss des ethischen Dekalogs, sollten die Befriedung innerhalb der Gemeinde bewirken, die – wie schon bemerkt – von schweren sozialen Spannungen durchzogen war.

Man sieht auch, daß es sich beim Pentateuch um eine sehr durchdachte, kunstvolle Komposition handelt. Im Zusammenhang mit dieser Komposition, die in den folgenden Jahrhunderten bis etwa 200 v. Chr. weiterging, wurde die Dreiteilung des Tanak in Gesetz, Propheten und Schriften vorgenommen. Propheten und Schriften wurden bis um 200v. Chr. redigiert. Es ist aber die Frage, ob dabei der Text derjenigen Handschriften, auf denen unsere heutigen Bibelausgaben beruhen, der Text dieser Rezension war. Die LXX beruhen jedenfalls auf einer anderen Textform, wie ich schon sagte, und die wiederum steht dem der Handschriften von Qumran und anderer im 20. Jahrhundert gefundenen alten Handschriften viel näher. Ist diese Fassung älter oder gab es in vorchristlicher Zeit verschieden Fassungen nebeneinander? Wir wissen es nicht.