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Der Prediger Salomo

Der Prediger Salomo, auch mit dem hebräischen Wort für „Prediger“ „Kohelet“ genannt, ist ebenfalls gegenüber der traditionellen Weisheit mit ihrem Tun-Ergehen-Zusammenhang skeptisch eingestellt. Natürlich hat es mit Salomo ebenso wenig zu tun wie das Buch der Sprüche. Salomo steht traditionell für die Weisheit wie Mose für das Gesetz und David für die Psalmendichtung.

Zwei Fragen beschäftigen die Kohelet-Forschung seit langem. Die eine Frage besteht darin, ob das Buch aus verschiedenen Quellen zusammengesetzt ist und dann eine Redaktion erfahren hat, die einen planvollen Zusammenhang hergestellt hat. Die andere Frage ist die, wie die widersprüchlichen Aussagen innerhalb des Buches zu erklären sind. Diese Frage hängt mit der ersten insofern zusammen, als manche Forscher annehmen, daß die Widersprüche dadurch zu erklären sind, daß hier unterschiedliche, ja gegensätzliche Quellen verarbeitet sind.

Daß 1,1 ebenso nachträglich dem Buche vorangestellt ist wie 12,9-14 einen nachträglich angefügten Abschluß bilden, sagt der Text dieser Verse selbst. Allgemein wird auch unterschieden zwischen 12,9-11, das von einem ersten Herausgeber und 12,12-14, das von einem zweiten, späteren Herausgeber stammt.

Was nun die Widersprüche innerhalb des Buches betrifft, so ist die Annahme am weitesten verbreitet, daß der Prediger gegnerische Ansichten zitiert, denen er seine Überzeugung gegenüberstellt. Wir haben es also mit einer Form der Diatribe zu tun. Das ist eine rhetorische Form, die von kynischen und stoischen Philosophen aufgebracht und entwickelt wurde. Ihr Kennzeichen ist, daß die Rede als ein fiktives Gespräch aufgebaut ist. Mögliche Gegenmeinungen werden zitiert, um vom Redner widerlegt zu werden. Auch der Apostel Paulus hat in seinen Briefen, diese Form der Rede angewandt.

Das Buch Kohelet weist, wie die Weisheitsliteratur überhaupt, eine universalistische Tendenz auf. Israel als Gottesvolk, seine Errettung durch Jahwe spielt keine Rolle. Vielmehr orientiert sich der Verfasser an Gott dem Schöpfer. Er hat den Menschen ihre Grenzen gesetzt, ohne daß sich sein Wille in den verschiedenen Widerfahrnissen, denen der Mensch ausgesetzt ist, durchschauen läßt. Den Raum aber, der dem Menschen verbleibt, gilt es zu nutzen, da sein Glück und seine Freude zu finden und zu genießen, ohne sich trüben Gedanken und Grübeleien über Grund und Zweck hinzugeben. Die Gedankenwelt ist ganz diesseitig und unspekulativ. Es gibt kein Jenseits des Todes für die Menschen, keine Auferweckung von den Toten, keine Unsterblichkeit und kein jüngstes Gericht.

Dieses wie auch die Tatsache, daß das Hebräische mit Aramaismen durchsetzt ist, daß aber andererseits keine Spur von religiöser Verfolgung, wie sie in der Makkabäerzeit einsetzte, zu finden ist wie auch die Existenz des Buches unter den Qumran-Schriften, läßt die Entstehung im 3. Jahrhundert v. Chr. am wahrscheinlichsten erscheinen. Eine ganz neue Untersuchung verweist auf die sog. häretischen Harfnerlieder aus Ägypten. Die sind insofern häretisch, ketzerisch, als sie dem öffentlichen und groß angelegten Toten-und Todeskult der Ägypter eine ganz irdische, den Tod und das Jenseits ignorierende Lebensfreude entgegensetzen. Hiervon könnte der Kohelet stark beeinflusst sein.