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Der johanneische Kreis

Zum Johanneischen Kreis gehören das vierte Evangelium und die nach Johannes benannten Briefe, nicht aber die Offenbarung des Johannes. Es sei daran erinnert, daß die Überschriften der Evangelien aus späterer Zeit stammen. Daß jedenfalls der Jesus-Jünger Johannes, der Zebedäus-Sohn auch nur eine dieser Schriften verfaßt hat, nehmen heute nur noch Außenseiter an. Der Lieblingsjünger oder „der andere Jünger“, der in vierten Evangelium immer wieder erscheint, ist nicht Johannes. Darüber, wer er sein könnte, gibt es viel Kopfzerbrechen.

Er muß jedenfalls die Leitgestalt derjenigen Christen gewesen sein, für welche das vierte Evangelium die Offenbarungsschrift schlechthin war. Wenn wir es mit den Synoptikern vergleichen, so merken wir, daß es eine Sache „vor sich“ ist, wie schon Lessing in einer Niederschrift festgestellt hat, die man in seinem theologischen Nachlaß fand. Hat dem Verfasser ein synoptisches Evangelium vorgelegen? Am ehesten bietet sich Lukasevangelium an. Wollte er es ergänzen oder korrigieren?
Die meisten Forscher setzen voraus, daß es sich bei den Trägern des vierten Evangeliums um eine christliche Sondergruppe gehandelt hat, die sich noch gegen Ende des 1. Jahrhunderts, als die verschiedenen anderen christlichen oder jesusgläubigen Gruppen ihre Gemeinsamkeit entdeckten und sich allmählich zu einer Christenheit zusammenfanden, abseits hielten. Daß es sich dabei um jüdische Christen handelt, ergibt sich eindeutig aus Joh 9,22; 12,42; 16,2. Denn dort wird ihnen der Ausschluß aus der Synagoge angekündigt. Von der immer wieder behaupteten Judenfeindlichkeit des vierten Evangeliums kann also nicht die Rede sein. Die abwertende Bedeutung des Wortes „Juden“ im vierten Evangelium hat andere Gründe. Die besondere Theologie der Gruppe ist erkennbar, aber mit welcher geistig- religiösen Bewegung im ersten Jahrhundert sie zu verbinden ist, ist seit einigen Jahrzehnten nicht mehr so sicher wie früher. Geht es um Gnosis oder um mittleren Platonismus? Doch diese beiden hängen miteinander zusammen.

Der größte Teil der Forschung setzt auch voraus, daß das Evangelium mindestens eine, wahrscheinlich mehrere Bearbeitungen erfahren hat, also Fortschreibungen, wie wir sie vom Alten Testament kennen. Unbestritten ist, daß es sich beim 21. Kapitel um einen Nachtrag von späterer Hand handelt. Im übrigen ist es aber sehr schwierig zu unterscheiden, welche Bestandteile zur Grundschrift und welche zu den Fortschreibungen gehören. Denn sprachliche Kriterien führen deshalb nicht weiter, weil die Sprache – Wortgebrauch, Satzbau usw. – einheitlich ist. Mit diesem Argument die Einheitlichkeit des Werkes zu behaupten, geht deshalb nicht an, weil es sich fast durchgehend um die Insidersprache der Gruppe handelt.

So strittig auch die Abgrenzung der Bearbeitungsstufen ist, kann man doch eine Entwicklung der Gruppe erkennen. Eine Bearbeitungsstufe bezeugt jedenfalls, daß sich diese „Johanneer“ – nennen wir sie einfach so – doch den Anschluß an die übrige Christenheit gesucht haben. Auf diese Ebene gehört auch der 1. Johannesbrief. Hier werden bestimmte Vorstellungen der Eschatologie, der Sakramente und der Sündenvergebung, die diesen „Johanneern“ ursprünglich fremd waren aufgenommen. Diese Polemik in diesem Brief zeigt aber auch, daß es innerhalb der Gruppe Leute gab, die den Weg zur übrigen Christenheit nicht mitgehen wollten. Was zu deren Charakterisierung angeführt wird, ist gnostisch. Haben wir es also doch – wie die Forschung hundert Jahre lang annahm – bei den ursprünglichen Johanneern mit gnostisierenden Christen zu tun? Im Zuge der Annäherung an die anderen Gemeinden würden sie das mehr und mehr abgelegt haben – bis auf jene Konservativen, die unter sich bleiben wollten. Mit dem Eintritt in die Gemeinschaft der Christengemeinden, konnten diese das inzwischen bearbeitete Evangelium übernehmen, wahrscheinlich nicht ohne eine weitere Überarbeitung oder Fortschreibung. Daß die ganze Entwicklung nicht konfliktlos verlief, zeigt nicht nur der 1. Johannesbrief, sondern das sehen wir auch am 2. und 3. Johannesbrief, die aber wegen ihrer Kürze nur schwer zu entschlüsseln und damit einzuordnen sind.