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Fünfzehnte Unterredung



1. Kapitel

(1)Als es Morgen wurde, kam der Vater mit unserer Mutter und den drei Söhnen herein, wo Petros war und setzte sich, nachdem er (uns) begrüßt hatte und wir ihn aufgefordert hatten. (2) Und Petros blickte den Vater an und sprach: „ Ich bemühe mich, dass du mit der Frau und den Söhnen einig wirst, damit du hier gemeinsam (mit ihnen) bist und dort, nach der Trennung der Seele vom Leib zusammen kummerlos sein werdet. (3) Oder betrübt dich nicht das Größte und dass sie nicht miteinander vereint sind?” Und der Vater: „Und gar sehr.” (4) Und Petros: „Wenn also auch hier das Getrenntsein von einander betrübt, müsst ihr nach dem Tode überhaupt nicht mit einander sein, wird es dich nicht viel nehr betrüben, dass ein in dem Wort deiner Erkenntnis weiser Mann von den Seinen getrennt wird, dass sie aber vielmehr Schmerz erleiden durch das Wissen, dass dir als anders Gesinnten durch das Urteil eines ausgesprochenen Gesetzes eine ewige Strafe bleibt?”

2. Kapitel

(1)Und der Vater sagte: „Aber es gibt, o Teuerster, kein Bestraftwerden der Seelen, während sie zugleich mit dem Abgang des Leibes in Luft aufgelöst wird” (2) Und Petros sprach: „ Ehe ich dich davon überzeugen werde, antworte mir: Scheint dir nicht, dass diejenigen, welche nicht an die Strafe glauben, nicht betrübt werden, jene aber, welche (daran) glauben, deinetwegen Betrübnis empfinden?” (3) Und der Vater: „Du sprichst folgerichtig:” Und Petros: „Weshalb verlässt du sie nicht wegen deiner großen Trauer zusammen mit der Gottesverehrung, ich rede ohne Scheu, sondern in Güte, wegen dessen, was dir von mir gesagt wurde, was du hörst und beurteilst, ob es sich so verhält oder nicht? (4) Und wenn es sich so verhält, wie wir sagen und du so Nutzen für deine Lieben hast und (mit ihnen) zusammen ruhst; wenn du aber durch die Betrachtung der Worte beweist, dass das von Gesagte ein verlogener Mythos ist und du so gut handelst, hast du sie als dir Gleichgesinnte bekommen. Und du wirst aufhören, dich um leere Hoffnungen zu bemühen und unwahre Befürchtungen aufgeben.

3. Kapitel

(1)Und Petros sprach: „Was ist es also, dass du daran festhältst, nicht in unsern Glauben einzutreten, sage, damit wir anfangen, dazu zu reden! Viel gibt es nämlich festzuhalten; (2) Die Überzeugten haben Unruhen der Käufe, der Taten, der Wachen, der Gedanken und was dergleichen mehr ist; für die Ungläubigen aber, von denen auch du einer bist, an Götter zu glauben, die es nicht gibt oder dass das Alle durch Entstehung besteht oder von selbst oder dass die Seelen sterblich sind oder auch unser Wort verlogen ist wie es auch keine Vorsehung gibt.

4. Kapitel

(1)Ich aber sage wegen derer, sie über dich reden, dass das All durch die Vorsehung bewohnt wird, auch dass nach so vielen Jahren deine Entfernung auch von den Deinen geschieht. (2) Da nämlich die bei dir sind ebenso auf die Worte der Frömmigkeit nicht gehört haben, wurde für deine Mutter die Auslandsreise und der Schiffbruch und die Vermutung des Todes organisiert und auch noch dass sie in den gottlosen Grundsätzen der Griechen erzogen wurden, damit sie diese als Wissende besser widerlegen können – (3) außerdem das Wort der Frömmigkeit zu lieben und für mich gerettet werden zu können, um meine Botschaft zu erfassen – (4) aber auch mit dem Bruder Clemens zusammen zu treffen und dass so die Mutter erkannt wird und dass durch die Heilung die Gottheit volle Genüge empfängt – (5) und dass sogleich die Kinder erkannt wurden und erkannten und sie dir am andern Tage begegneten und du die Deinen wiederbekamst (6) Ich meine also, dass eine solche schnelle, von allen Seiten zusammen kommende Übereinstimmung zu einem Ziel der Erkenntnis nicht ohne Vorsehung sein kann.”

5. Kapitel

(1)Und der Vater begann zu Petros zu sagen: „Denke nicht, mein Lieber Petros, dass ich das von dir verkündete Wort nicht im Sinn hätte. (2) Als Höchstes freilich habe ich in der verbrachten Nacht, als mich Clemens sehr mahnte mit der von dir verkündeten Wahrheit, habe ich geantwortet: ´Was kann denn Neueres angeordnet werden über das hinaus, wozu die Alten gemahnt hatten?´(3) Er aber sagte lachend: `Es ist ein großer Unterschied, Vater zwischen den Worten der Frömmigkeit und denen der Philosophie. Sie hat nämlich den Beweis der Wahrheit aus der Prophetie. Er aber scheint aus den Vermutungen der Schönrednerei der Philosophie Beweise vorzutragen. (4) Und ebenso hat der, welcher dies gesagt hat um des Beweises willen mir die Rede von der Menschenfreundlichkeit vorgetragen, das ich ihm, der mir höchst ungerecht erschien, angeraten hatte. (5) Und was soll ich sagen. Wer behauptete ein Gerechter zu sein, dass er dem, der ihn auf die Wange schlägt, die andere hinhält und dem, der seinen Mantel wegnimmt, auch die Jacke gibt, dem, der ihn eine Meile zu gehen zwingt, zwei mit ihm geht[01] und dergleichen.”

6. Kapitel

(1)Und Petros antwortete: „Aber du hast ihn für ungerecht gehalten, denn er ist der Gerechteste. Wenn er dein Freund ist, dann höre!” Und der Vater sagte: „ Er ist sehr mein Freund.” (2) Und Petros: „ Was meinst du: da sind zwei verfeindete Könige und die haben unterschiedliche Länder, und wenn einer von ihnen dem andern untertan ist und im Lande des andern als Dieb überführt wird und deswegen des Todes schuldig ist, wenn er mit Prügel und nicht mit der Todesstrafe entlassen wird, scheint dir nicht der, welcher ihn entlässt ein Menschenfreund zu sein?” Und der Vater sagte: „Sicher.” (3) Und Petros sprach: „ Was denn? Wenn einer das Eigentum von einem wegnimmt oder etwas anderes, dabei gefasst wird, wenn er das Doppelte erstatten soll, das Dreifache und den Tod schuldig ist …[02] , scheint dir nicht der, welcher das Doppelte nimmt und ihm den Tod erlässt, ein Menschenfreund zu sein?” Und der Vater sagte: „Es scheint (so).” (4) Und Petros: „Was aber? Muss nicht der, welcher im Reich eines andern ist, und dies das eines bösen Feindes ist, um des Lebens willen allen schmeicheln, und meistens erzwingen sie den Weggang, ohne die Grüßenden zu grüßen, Feinde zu versöhnen, mit den Zankenden nicht streiten, das Eigene freundlich dem Bittenden anzubieten und was dergleichen mehr ist?” Und der Vater: „Alles besteht vernünftigerweise, wenn man diesen das Leben vorzieht.”

7. Kapitel

(1)Und Petros: „ Hast du denn nicht gesagt, dass diejenigen, denen Unrecht geschehen ist, selbst Grenzverletzer sind, weil sie in dem Reich eines anderen und insofern Gewalttäter sind, soweit sie Aneigner sind? (2) Die aber meinen, dass derartiges ein Unrecht sei, werden von jedem auf der Gegenseite willkommen geheißen, sofern sie ihnen nachgeben. (3) Es gehört nämlich denen, die das Gegenwärtige erwählt haben. Und deswegen sind sie Menschenfreunde, weil sie ihnen das Leben geschenkt haben. So verhält es sich mit dem Beispiel, höre also auf die Angelegenheit! (4) Der gegenwärtige Gottessprecher der Wahrheit hat uns gelehrt, dass der Schöpfer des Ganzen und Gott zwei Herrschaften eingeteilt hat, eine für en Guten und eine für den Bösen, wobei er dem Bösen die bestehende Welt mit dem Gesetz der Herrschaft gab, so dass die Vollmacht besteht, die Ungerechten zu bestrafen, dem Guten aber das kommende unvergängliche Weltalter. (5)Jedem aber der Menschen gab er die Freiheit, sich selbst die Vollmacht zuzuteilen, was er wollte, das gegenwärtige Böse oder das künftige Gute. Diejenigen von ihnen, die das Gegenwärtige gewählt haben, haben die Macht, reich zu werden. Zu schwelgen, sich zu vergnügen und alles, was sie können; die von ihnen nämlich, die das Gute erwählt haben, aber von den kommenden Gütern werden sie nichts haben[03]. (6) Diejenigen aber, die sich für das des künftigen Reiches entschieden haben, ist es nicht erlaubt von dem Hiesigen ( wie das Eigentum eines fremden Reiches), das ihnen geraubt wurde, zu empfangen als nur Wasser und Brot und das mit Schweiß zum Leben Erlangte[04] (da es nicht erlaubt ist, freiwillig zu sterben[05]) sowie ein Gewand[06]; nackt dazustehen schickt sich nämlich wegen des alles sehenden Himmels nicht.

8. Kapitel

(1)Wenn du also die Rede von dieser Angelegenheit hören willst, dann höre ein wenig! Schneller hast du gesagt, ist Unrecht zu erleiden, sie aber haben mehr Unrecht getan, denn sie haben zwar das Kommende erwählt, aber im Gegenwärtigen sind sie mit den Bösen zusammen, da sie vieles ebenso wie jene genießen (für ihr Leben, vom Licht, vom Brot, vom Wasser, von Kleidung und anderes dergleichen), die aber des Unrechttuns von dir bezichtigt werden, diese Männer haben an den künftigen Gütern keinen Anteil.” (2) Und der Vater erwiderte dazu: „Jetzt hast du mich überzeugt, dass die Unrecht tun, selbst Unrecht erleiden, sie Unrecht Leidenden rauben mehr, noch ungerechter erscheint mir die ganze Angelegenheit denn die Unrecht zu tun scheinen überlassen denen, die das Kommende gewählt haben, vieles ein, die aber Unrecht zu erleiden scheinen, tun selbst Unrecht, denn sie bieten denen, die ihnen hier (etwas) überlassen haben, dort nicht das Gleiche(was jene ihnen überlassen haben).” (3) Und Petros: „Dies ist nicht ungerecht, weil jeder die Macht hat, das Gegenwärtige zu wählen oder das Kommende, es sei groß oder klein. Durch eigene Entscheidung und Willen erfährt der Wählende kein Unrecht Ich sage auch nicht, wenn er das Kleine gewählt hat, da ihm das Große vorgelegen hat. Das Kleine hat ihm nämlich auch vorgelegen.” Und der Vater sagte: „Du hast recht geredet. Auch einem Weisen der Griechen wurde nämlich gesagt: Die Schuld gehört den Wählenden, Gott ist schuldlos.

9. Kapitel

(1)Aber gehe mir noch diese Rede durch. Ich erinnere mich, dass Clemens gesagt hat, dass wir das Unrecht und die Leiden zur Vergebung der Sünden ertragen.” (2) Und Petros: „ Auch so verhält es sich richtig. Wir haben uns nämlich das Kommende gewählt, was wir mehr erworben haben, sei es Kleidung, sei es Nahrung, sei es Getränk oder irgend etwas anderes, haben wir als Sünden erworben, weil man nichts haben sollte, wie wir etwas schnell das Wort ergriffen (3) haben. Erwerbungen sind für alle Sünden. Die irgendwie geartete Ablehnung dieser Sünden ist Raub.” (4) Und der Vater sagte: „Folglich verhält es sich so wie bei den festgelegten Grenzen der beiden Reiche, wobei für jeden, der unter ihrer Macht ist, zu wählen ist, was er will. (5) Was aber? Auch die Leiden, wenn wir sie gerechterweise erleiden?” Und Petros sprach: „ Sehr gerecht; da nämlich die Grenze der Geretteten darin besteht (wie er gesagt hat), dass keinem etwas gehört, vielen aber viele Besitztümer gehören (auch anderweitige Sünden), deshalb wird das Leiden aus der übermäßigen Menschenfreundlichkeit Gottes über die heraufgeführt, die sich nicht einwandfrei verhalten, damit sie durch das Fromme durch zeitliche Strafen von den ewigen Strafen gerettet werden.

10. Kapitel

(1)Und der Vater: „Was denn?”! Sehen wir nicht viele gottlose Arme? Gehören sie trotzdem zu den Geretteten?” Und Petros: „Nicht gänzlich. Die Armut des Armen wird nämlich nicht anerkannt, wenn er danach trachtet, muss es nicht sein. (2) So dass einige durch Wahl reich an Besitz werden und wie sie bestraft werden, weil sie zu übervorteilen begehren. (3) Aber auch nicht durch Armsein ist einer überhaupt gerecht; es kann nämlich einer arm an Besitztümern sein, er muss aber nicht begehren oder auch tun, was vorzüglich ist. Entweder nämlich verehrt er Götzen oder lästert oder begeht Unzucht oder lebt gleichgültig oder schwört falsch oder lügt oder lebt ungläubig. (4) Übrigens hat unser Lehrer die glaubenden Armen glückselig gepriesen[07], und nicht, weil sie etwas darbieten (sie haben ja nichts), sondern weil sie nicht sündigen, allein weil sie keine Almosen geben, weil sie nichts haben, werden sie nicht verurteilt.” (5) Und der Vater: „Nach dem Grundsatz scheint die Sache wahrhaftig richtig zu sein; Deshalb habe ich auch bei der Ordnung jeder Wahl gehorcht.”

11. Kapitel

(1)Und Petros. „Also bin ich nicht verpflichtete, dir als einem, der danach strebt, unsere Gottesverehrung zu erlernen, in der Ordnung das Wort auszuführen, anfangend bei Gott selbst und zeigen, dass man ihn allein Gott nennen darf, anderen aber weder sagen noch meinen und dass der, welcher dagegen verstößt, ewig bestraft wird, weil er gegen ihn, den Gebieter aller auf das Höchste gottlos gehandelt hat.” (2) Und nachdem er das gesagt und den von Leiden Geplagten und Kranken und Besessenen die Hände aufgelegt und gebetet uns geheilt hatte, entließ er die Volksmassen. Und nachdem so die Vertrauteren hineingegangen waren und er gespeist hatte, legte er sich schlafen.

Übersetzt von Dr. Hans Jochen Genthe 2013

[01] V: Matth 5,39 – 41 = Luc 6,29
[02] Ü: unverständlich
[03] V: Luc 16,25
[04] V: Gen 3,19
[05] E: Selbstmord zu begehen
[06] V: I.Tim 6,8
[07] V: Matth 5,3