Diese Seite drucken Diese Seite drucken

Nahum

Einleitung

In dem Buch des Propheten Nahum geht es um den Untergang von Ninive, der Stadt, die seit Sanherib (704 – 681 v. Chr.) die Hauptstadt des assyrischen Reiches war, unter dessen Eroberungskriegen die Länder Mesopotamiens und Syriens bis nach Ägypten viel zu erleiden hatten. Die Freude über die Zerstörung Ninives durch die Babylonier im Jahre 612 v. Chr. ist deshalb begreiflich. Sie zeigt sich in der Nahumschrift durchgehend. Man kann geteilter Meinung sein, ob es sich dabei um echte, also vorausschauende oder um rückblickende Prophetie handelt. Im Kern ist es wohl erstere, aber durch spätere redaktionelle Eingriffe erweitert.

Als deren ältesten Bestand haben wir 2,4 – 3,19 anzusehen[01]. Der älteste Teil aus der Zeit um 660 sind die Verse 3,8 –19a, denen sich zehn Jahre später 3,2 – 3; 2,2. 4-13; 3,1. 4a angeschlossen haben. Hier vernehmen wir am ehesten Nahums eigene Stimme. fünfunddreißig Jahre jünger zu datieren, sind redaktionelle Eingriffe: 2,14; 3,5 –7. Aus der Mitte des 6.Jahrhunderts, also aus der Zeit des Exils stammend sind 1,12 –13 und 2,1. 3 anzusetzen, während 1,11. 14 und 1,2 –10 am ehesten aus der Perserzeit um 400 stammen können[02]. Am wahrscheinlichsten ist die Annahme, dass der auf Nahum zurückzuführende Grundbestandteil in das Prophetenbuch II aufgenommen worden ist. Vorangestellt wurde ihm der „Ausspruch über Ninive” (1,1a).

Danach erst wurde 1,2 bis 2,3 vorangestellt. Davon ist 1,2 –8 ein alphabetischer Hymnus (Akrostichon), aber er umfasst nur das halbe Alphabet, nämlich a (aleph) bis k (kaph)[03].

In 2,8 finden wir einen Hinweis auf die Eroberung der ägyptischen Stadt No-Amon, des hunderttorigen Theben durch die Assyrer. Dies geschah im Jahre 664. Den entsprechenden Abschnitt muss also Nahum nach diesem Ereignis geschrieben haben. Wir können also den weitesten zeitlichen Rahmen für das Wirken Nahum auf 664 bis 612 festlegen, allenfalls enger.

Im Übrigen lässt sich über die Person Nahums nichts sagen. Er muss wohl im Königreich Juda gelebt haben, wobei freilich nicht völlig ausgeschlossen werden kann, dass er ein Israelit gewesen sein könnte, der entweder im Lande bleiben durfte oder dass er zu den im Jahre 722 Verschleppten gehört hat, der aber dann in der Fremde gewirkt haben müsste. Diese Möglichkeit ist zwar auch erwogen worden[04], konnte aber keine Anerkennung finden.

Übersetzung

Ausgangstext der Übersetzung ist die Biblia Hebraica Quinta, Band 13, Deutsche Bibelgesellschaft Stuttgart 2010

1. Kapitel

(1)Ausspruch über Ninive; Schrift der Schau Nachums, des Elqoschiters.

[05](2)Ein eifersüchtiger Gott und ein Rächer ist Jahwe, ein Rächer ist Jahwe und ein Herr der Glut;

ein Rächer ist Jahwe für seine Feinde, ein Zürnender ist er für seine Gegner.

(3) Jahwe ist [06]langmütig im Zorn, groß an Kraft, keinesfalls ungestraft lässt Jahwe[07] ;

in Sturmwind und Unwetter ist sein Weg, und Wolken sind Staub seiner Füße.

(4) Er schilt das Meer und trocknet es aus, und alle Flüsse lässt er vertrocknen;

Baschan und Karmel [08]verschmachtet, und die Blüte des Libanon welkt dahin.

(5) Vor ihm erbeben Berge[09] und die Anhöhen wanken;

die Erde erhebt vor ihm die Stimme[10], und der Erdkreis und alle, die darauf wohnen.

(6) Wer kann vor seinem Wüten standhalten, und wer erhebt sich in der Glut seines Zornes?

Seine Glut ergießt sich wie Feuer, und die Felsen werden vor ihm zerstört.

(7) Jahwe ist gut[11] als Zuflucht am Tage der Drangsal; und er kennt[12] die, welche sich in ihm bergen.

(8) Und in der Flut geht er vorüber, Vertilgung bewirkt er an ihrer Stelle; und seine Feinde jagt er ins

Dunkel.

(9) Was plant ihr gegen Jahwe? Vernichtung wirkt er;

Die Drangsal erhebt sich nicht ein zweites Mal.

(10) Wie[13] Dornengestrüpp [14]und wie eine sich windende Kletterpflanze[15];

sie werden wie trockenes Stroh vollständig gefressen.

(11) Vor dir zieht ab der Böses gegen Jahwe plant;

der Nichtsnutziges vorhat.

(12) So spricht Jahwe: „Wenn sie vollständig und so viele sind,

dann werden sie geschoren und verschwinden.;

und habe ich dich gedemütigt, so werde ich dich nicht mehr demütigen[16].

(13) Und jetzt werde ich seinen Stock über dir zerbrechen; und deine Fesseln zerschlagen.”

(14) Und Jahwe hat über ihm[17] befohlen: „Keiner deines Namens soll noch Nachkommen haben;

aus dem Hause deines Gottes soll Götze und Götzenbild vernichtet werden,

ich werde dein Grab bereiten, denn du bist eine Schande.

2. Kapitel

(1)Sieh, auf den Bergen die Füße eines Verkünders[18], der Frieden hören lässt,

feiere, Jehuda, deine Fest, erfülle deine Gelübde!

Denn nicht wird weiterhin der Nichtsnutzige[19] durch dich hindurch ziehen,

er wird gänzlich vernichtet.

(2) Der zerstreut steigt gegen dich hinauf, bewache dein Bollwerk!

Erspähe den Weg, umgürte die Hüften, stärke sehr die Kraft!

(3) Denn Jahwe kehrt mit Jaaqobs Herrlichkeit zurück wie die Hoheit Jisraels (war);

obgleich Verwüster sie verwüstet und ihre Reben verdorben haben.

(4)Der Schild ihrer Gewaltigen ist rot gefärbt, Männer der Stärke sind in Scharlach gekleidet,

im Feuer des Stahls der Wagen, am Tage hat er ihn aufgestellt;[20]

und die [21]Wacholder[22] werden geschüttelt.

(5) Auf den Straßen benehmen sich ihre Wagen wie toll, sie überrennen sich auf den Plätzen;

ihr Aussehen ist wie Fackeln, wie Blitze laufen sie hin und her.

(6)Er gedenkt seiner Mächtigen, sie straucheln auf den Bahnen;

sie eilen zur Mauer, und eine Barrikade wird aufgestellt.

(7) Die Tore der Flüsse[23] werden geöffnet, und der Palast wankt.

(8)Hingestellt geht die Hochedle[24] in Gefangenschaft;[25]

und ihre Sklavinnen stöhnen wie Tauben, sie schlagen auf ihre Herzen[26].

(9)Ninive ist wie ein Wasserteich…[27];

und sie fliehen, sie stehen, stehen, und es gibt kein Umkehren.

(10) Plündert Silber, plündert Gold!

Und es gibt kein Ende an Einrichtungsgegenständen mehr Herrlichkeit als alles liebliche Gerät.

(11)Öde und Leere und Verheerung;

und das Herz zerfließt, und die Knie wanken, und Beben in beiden Hüften,

und die Gesichter aller [28]verfärben sich[29].

(12)Wo ist ein Aufenthalt der Löwen, welche die Weide für Junglöwen ist;

wo ein Löwe geht, um einen Junglöwen dort hin zu bringen und es nichts gibt, um (ihn) aufzuschrecken.

(13) Ein Löwe raubt für seine Jungen und würgt für seine Löwinnen;

und er erfüllt seine Höhle mit Nahrung und seine Wohnstätten mit Gerissenem.

(14) Sieh, zu dir[30], Spruch Jahwes der Heerscharen,

und zu Asche verbrenne ich ihren Wagenzug, und deine Junglöwen wird das Schwert fressen;

und ich lasse deinen Raub aus dem Lande beseitigen,

und die Stimme deiner Boten wird nicht mehr gehört werden.

3. Kapitel

(1)Wehe, Stadt des Blutes;

sie ist ganz Lüge, voll Geplündertem, das Rauben hört nicht auf[31].

(2) Das Klatschen der Peitsche und der Lärm vom Dröhnen des Rades;

ein Pferd rennt, und ein Wagen hüpft.

(3)Ein Reitpferd steigt auf und ein Flammenschwert und ein Blitz einer Lanze

und eine durchbohrte Menge und von Leichnamen bedeckt;

und es gibt kein Ende der Leichname, und man stolpert über Leichen.

(4) Wegen der vielen Hurerei der Hure, Schönheit, Gunst der Herrin der Zaubereien;

die Völker mit ihren Hurereien umgarnt und Sippen mit ihren Zaubereien[32].

(5) Siehe, zu dir[33] , Spruch Jahwes der Heerscharen, und ich enthülle die Schleier über deinem Gesicht;

und ich lasse die Völker deine Blöße sehen und die Königreiche deine Schande[34].

(6) Und ich werfe Abscheuliches auf dich und mache dich verächtlich; und ich mache dich zum

Schauspiel.

(7)Und es wird geschehen: jeder, der dich sieht, wird vor dir fliehen,

und er wird sagen: „Zerstört ist Ninive, wer wird es bedauern?

Wo soll ich Tröstungen für dich suchen?

(8) Bist du besser als [35]No Amon[36], an den Nilarmen gelegen, vom Wasser umgeben;

deren Ringmauer das Meer ist, deren Mauer Wasser[37] ist.

(9)Kusch[38] ist stark und Mizrajim, und es gibt kein Ende;

Put[39] und Luditer[40] sind zu deiner Hilfe da.

(10) Auch dieses zur Verbannung, es ging in die Gefangenschaft,

auch seine Kinder wurden am Anfang aller Straßen zerschmettert;

und über ihre Vornehmen warf man das Los[41], und alle seine Großen wurden mit Fesseln gebunden.

(11) Auch du wirst betrunken sein[42], du wirst dich verbergen;

auch du wirst eine Zuflucht vor dem Feind suchen.

(12) Alle deine Festungen sind Feigenbäume mit Frühfeigen;

wenn sie geschüttelt werden fallen sie in den Mund des Essers.

(13) Sieh, dein Volk sind Weiber in deiner Mitte,

weit öffnen sie die Tore deines Landes für den Feind;

Feuer frisst deine Riegel

(14) Schöpfe Wasser für deine Festung, verstärke deine Befestigungen;

Komm, tritt in den Ton, stampfe den Lehm und ergreif die Ziegelform!

(15) Dort wird dich Feuer fressen, ein Schwert wird dich ausrotten, es wird dich fressen wie eine Heuschrecke;

vermehre dich wie die Heuschrecke, vermehre dich wie die Wanderheuschrecke[43]!

(16) Du hast mehr Händler als Sterne des Himmels; eine Heuschrecke bricht auf und fliegt davon.

(17) Deine Wächter sind wie Wanderheuschrecken und deine Amtleute wie ein Heuschreckenschwarm;

er lagert auf den Mauern am Tag der Kälte,

die Sonne geht auf, und er flüchtet, man kennt seinen Ort nicht, wo sind sie?

(18) Deine Hirten schlummern, König von Aschur, deine Großen schlafen;

sie zerstreuen dein Volk auf den Bergen, und es gibt niemanden, der sammelt.

(19) Es gibt keine Linderung für deine Gebrechen, die Wunde von deinem Schlag;

alle, welche die Nachricht von dir hören, klatschen über dich in die Hände,

denn auf wen ist deine Bosheit nicht täglich herüber gekommen?

[01] Erich Zenger, Einleitung in das Alte Testament,4.Auflage, Stuttgart 2001, Seite 511
[02] Anton Schoors, Die Königreiche Israel und Juda im 8. und 7. Jahrhundert v. Chr.(Biblische Enzyklopädie Band 5), Stuttgart –Berlin – Köln 1998, Seite 155, nach der Analyse von K.Seybold, Profane Profetie. Studien zum Buch Nahum, 1989 , Seite 32 – 33
[03] Zenger Seite 511, Schoors Seite 155
[04] A.S. van der Woude, Jona, Nahum 1978
[05] V: Zu Vers 2 bis 3: Ex 20,5; Dt 4,24
[06] V: Ex 34,6 – 7
[07] T: Im hebräischen Text steht „Jahwe“ am Anfang von Vers 3, muss aber ans Ende von Vers 2 gezogen werden. Dann beginnt die zweite Zeile von Vers 3 (3b) mit dem zweiten Buchstaben des Alphabets (b), wie es für das Akrostichon erforderlich ist.
[08] T: Die Übersetzung folgt einer Konjektur
[09] V: Ps 97,5
[10] T: Die Übersetzung folgt einer Konjektur. Man kann auch konjizieren: „ und die Erde wird verwüstet.“
[11] V: Dt 4,31
[12] V: Ps 1,6
[13] T: Die Übersetzung folgt einer Konjektur
[14] T: Die zweite Hälfte der Zeile (10aβ) folgt LXX
[15] E: Gemeint sind Jahwes Feinde, nämlich Assyrien
[16] E: Hier ist Juda angeredet
[17] E: Dem Feind, Assur
[18] V: Jes 52,7
[19] V: 1,11
[20] T: Diese Zeile ist unverständlich. Die verschiedenen vorgeschlagenen Konjekturen gehen sehr weit. Deshalb wurde auf sie verzichtet und der Vers so unverständlich, wie ihn der hebräische Text bietet, wörtlich übersetzt.
[21] T: LXX: „die Pferde“, Vulgata: „ die Reiter“
[22] E: Gemeint sind die Lanzen aus Wacholderholz
[23] T: LXX: πολεων (Städte)
[24] E: Königin
[25] T: Die Übersetzung dieser Zeile folgt einer Konjektur
[26] E: Gemeint ist das Schlagen auf die eigene Brust, ein Zeichen der Trauer
[27] T: Über die letzten beiden Wörter des hebräischen Textes kann man nur spekulieren; deshalb bleiben sie unübersetzt
[28] V: Jes 13,8; Joel 2,6
[29] T: Die Übersetzung dieser Zeile folgt einer Konjektur
[30] Ü: Zu ergänzen; „komme ich“?
[31] V: Hes 24,6 – 9
[32] V: Jes 23,16; OffbJoh 17
[33] Ü: Zu ergänzen: „komme ich“?
[34] V: Jes 47,3
[35] V: Jer 46,25
[36] E: Theben in Ägypten
[37] T: Der hebräische Text liest mym ( vokalisiert:„vom Meer“ oder „vor dem Meer“). Den gleichen Konsonantenbestand mym mit anderer Vokalisation hat das hebräische Wort für „Wasser“. Das ergibt einen besseren Sinn.
[38] E: Nubien
[39] E: Vermutlich Libyen oder ein Teil desselben
[40] E: Ein Volk, das vermutlich auch in Libyen lebte
[41] V: Joel 4,3
[42] V: Jes 25,15
[43] V: Joel 1,4