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Jona

Einleitung

Diese kleine Schrift ist eine lehrhafte Dichtung und in keiner Hinsicht historisch. Ein Prophet Jona ben Amittaj wird II.Kön14,25 erwähnt und die Erwähnung hat dazu geführt, in dieser Lehrdichtung diesen Mann in den Mittelpunkt zu stellen. Der Zweck dieser Erzählung besteht darin, die grenzenlose Liebe Gottes zu allen seinen Geschöpfen darzustellen, die der Grund dafür ist, diejenigen Menschen, welche dem Ruf zur Umkehr folgen, von allen Sünden und Sündenstrafen befreit sind. Dabei gibt es keine Grenzen. In Jonas Widerstand gegen seinen Auftrag zeigt sich die Einstellung des verbreiteten religiösen Nationalismus, gegen den sich diese Schrift wendet. Das zeigt sich besonders deutlich daran, dass Ninive, die Hauptstadt des einst gefürchteten, grausamen Militärstaates, Adressat der Bußpredigt ist und diese Predigt zur Umkehr dieser gottlosen Stadt führt. Auch das passt Jona nicht, das bedeutet, dass es geradezu eine Provokation derer darstellt, die auf die Vernichtung und nicht auf die Bekehrung der Feinde Israels warteten, wovon ja auch viele Propheten gesprochen haben. Dass die Erzählung märchenhafte Züge trägt, ist unübersehbar und macht sie so anziehend, so dass auf diese Weise ihr Lehrgehalt, ihre Botschaft zu Lesern und Hörern „transportiert” werden kann. Diese Lehrhaftigkeit stellt sie in den Zusammenhang mit der Weisheitsliteratur, die ja auch übernational und überkonfessionell ist.

Fisches (2,3 – 11) eine übernommene Vorlage sein könnte[01], aber das Gebet kann auch originärer Bestandteil der Schrift Komposition vor uns haben, die mit Entsprechungen arbeitet. 1,1 – 3 entspricht 3,1 – 3 und 1,1- 3 entspricht 3,1 – 3 (der Befehl), 1,4 – 16 entspricht 3,3 – 4,5 (Jonas Widerstand), 2,1 – 11 entspricht 4,6 – 11 (Jona unterwirft sich). Man kann weitere Entsprechungen im Einzelnen finden. Die kleine Schrift von 48 Versen ist auf alle Fälle nachexilisch[02]. Zu erwägen ist eine genauere Zeitbestimmung, nämlich die hellenistische Zeit oder kurz davor[03].

Übersetzung

Ausgangstext der Übersetzung ist die Biblia Hebraica Quinta, Band 13, Deutsche Bibelgesellschaft Stuttgart 2010.

 

1.Kapitel

(1) Und es erging ein Wort Jahwes an Jona ben Amittaj[04] folgendermaßen: (2) „ Auf, geh in die Großstadt Ninive und rufe über ihr aus, dass ihre Bosheit bis vor mich aufgestiegen ist!” (3) Und Jona stand auf, um vor Jahwe nach Tarschisch[05] zu fliehen[06]; und er ging nach Jafo[07] hinab und fand ein Schiff, das nach Tarschisch abgehen sollte, und er bezahlte die Kosten und stieg ein, um mit ihnen vor Jahwe nach Tarschisch zu kommen. (4) Und Jahwe warf einen starken Wind auf das Meer, und es gab einen mächtigen Sturm im Meer; und das Schiff drohte zu zerschellen. (5) Und die Seeleute fürchteten sich, und jeder schrie zu seinem Gott, und sie warfen die Ladung, die im Schiff war, ins Meer, um sich von ihr zu entlasten; und Jona stieg hinab in den Heckraum des Fahrzeugs und schlief fest[08]. (6) Und der Kapitän trat zu ihm und sagte zu ihm: „Was schläfst du? Ruf zu deinem Gott, vielleicht tut Gott etwas für uns, und wir gehen nicht zugrunde.” (7) Und sie sprachen jeder zu seinem Nebenmann: „Komm, wir wollen das Los werfen und erfahren, durch wen dieses Unglück uns widerfährt.” Und sie warfen das Los, und das Los fiel auf Jona. (8) Und sie sagten zu ihm: „Erzähl uns doch, durch wen uns dieses Unheil widerfährt[09]; was ist dein Auftrag, und woher kommst du, welches ist dein Land, und aus welchem Volk bist du?” (9) Und Jona sagte zu ihnen: „ Ich bin ein Ibri[10] und verehre Jahwe, den Gott des Himmels, der das Meer und das Trockene gemacht hat[11].” (10) Und die Männer fürchteten sich sehr und sagten zu ihm: „ Was ist das, was du getan hast?” denn die Männer wussten, dass er vor Jahwe geflohen war, denn er hatte es ihnen erzählt. (11) Und sie sagten zu ihm: „Was sollen wir mit dir machen, damit das Meer, auf dem wir sind, ruhig wird?” Denn das Meer war stürmisch bewegt. (12) Und er sagte zu ihnen: „ Nehmt mich, und werft mich ins Meer, und das Meer, auf dem ihr seid, wird sich beruhigen; denn ich weiß, dass dieser große Sturm meinetwegen über euch gekommen ist.” (13) Und die Männer ruderten, um zum Land zurück zu kommen, und sie konnten es nicht; denn das Meer ging und stürmte über sie. (14) Und die Männer riefen zu Jahwe und sprachen: „Ach, Jahwe, lass uns doch nicht wegen der Seele dieses Mannes zugrunde gehen, und lass nicht unschuldiges Blut über uns kommen; denn du bist Jahwe, wie es dir gefällt, so tue du!” (15) Und sie fassten Jona und warfen ihn in das Meer; und das Meer hielt inne von seinem Wüten. (16) Und die Männer fürchteten sich seh vor Jahwe; und sie opferten ein Schlachtopfer für Jahwe und legten Gelübde ab,

2. Kapitel

(1) Und Jahwe bestimmte einen großen Fisch, um Jona zu verschlingen; und Jona war drei Tage und drei Nächte in den Eingeweiden des Fisches[12]. (2) Und Jona betete zu seinem Gott Jahwe aus den Eingeweiden des Fisches. (3) Und er sprach:

„Aus meiner Drangsal rief ich zu Jahwe, und er antwortete mir;

mitten aus der Unterwelt schrie ich, du hast meine Stimme gehört[13].

(4) Du hast mich in die Tiefe, in das Herz des Meeres geworfen, ein Strom umgab mich.

[14]deine ganze Brandung und deine Welle gingen über mich.

(5) und ich sprach: „ich wurde verworfen von deinen Augen[15],

Wohin soll ich noch blicken? Zu deinem heiligen Tempel?

(6) [16]Wasser umringten mich bis an die Seele[17], Abgrund umgab mich;

Schilf bekränzte mein Haupt.

(7)Zu den Fundamenten der Berge bin ich hinabgestiegen, die Erde, deren Riegel für immer hinter mir waren[18];

und du, mein Gott Jahwe ließest mein Leben aus der Grube aufsteigen[19].

(8) Als meine Seele in mir verzagte, gedachte ich Jahwes;

und mein Gebet kam zu dir zu deinem heiligen Tempel[20].

(9) Verehrer nichtigen Trugs verlassen ihre Gnade[21].

(10) Und ich will dir mit meiner Stimme Lob opfern, was ich gelobt habe, will ich leisten;

bei Jahwe ist Rettung.”[22]

(11) Und Jahwe sprach zu dem Fisch; und er spie Jona aufs Trockene

3.Kapitel

(1) Und Jahwes Wort erging zum zweiten Mal[23] an Jona: (2) „Mach dich auf, geh in die Großstadt Ninive; und ruf ihr die Bekanntgabe zu, die ich dir gesagt habe!” (3) Und Jona stand auf und ging nach Ninive, wie Jahwe gesagt hatte; und Ninive war eine große Stadt[24] Gottes, in drei Tagen zu durchschreiten. (4) Und als sich Jona anschickte, in die Stadt zu gehen, ging er einen Tag lang; und er rief und sprach: „ Noch vierzig[25] Tage[26], und Ninive wird umgestürzt werden.” (5) Und die Männer von Ninive vertrauten auf Gott[27] und riefen ein Fasten aus[28] und kleideten sich in Säcke vom Großen bis zum Kleinen. (6) Und das Wort erreichte den König von Ninive, und er stand von seinem Thron auf und legte seinen Mantel ab; und er bedeckte sich mit einem Sack und setzte sich in den Staub. (7) Und er ließ bekannt machen und sprach in Ninive: „ Befehl[29] des Königs und seiner Großen: Mensch und Vieh, Rindvieh und Kleinvieh sollen nichts essen, nicht weiden und nicht Wasser trinken! (8) Und Mensch und Vieh sollen sich mit Säcken bedecken und mit Macht zu Gott rufen; und jeder soll umkehren von seinem bösen Weg und von der Gewalt in seinen Händen. (9) Vielleicht[30] kehrt Gott um und hat Mitleid; und er lässt ab von der Glut seines Zornes, und wir werden nicht zugrunde gehen.” (10) Und Gott sah ihre taten, dass sie von ihrem bösen Weg umkehrten[31]; und Gott bereute das Böse, das er ihnen anzutun angekündigt hatte und tat es nicht.

4. Kapitel

(1) Und Jona missfiel es als ein großes Übel; und es regte ihn auf. (2) Und er betete zu Jahwe und sprach: „ Ist das nicht meine Rede gewesen, als ich noch in meinem Lande war, weshalb ich mich abgewandt habe,um nach Tarschisch zu fliehen; denn ich wusste, dass du ein Gott des Erbarmens und der Barmherzigkeit bist, langsam zum Zorn und groß an Gnade[32], den das Unheil reut. (3) Und jetzt, Jahwe, nimm doch meine Seele von mir; denn mein Tod ist besser als mein Leben.[33](4) Und Jahwe sprach: „Erzürnst du dich mit Recht?” (5) Und Jona ging aus der Stadt und ließ sich ostwärts der Stadt nieder; und dort baute er sich eine Hütte und wohnte in ihr im Schatten bis er sah, was in der Stadt geschehe. (6) Und Gott Jahwe stellte einen Rizinus hin, und er wuchs auf über Jona, um ein Schatten über seinem Haupt zu sein, um ihn seinem Übel zu entreißen; und Jona freute sich mit großer Freude über den Rizinus. (7) Und Gott stellte einen Wurm hin, als die Morgenröte am nächsten Tag aufging; und er stach den Rizinus, und der verdorrte. (8) Und als die Sonne aufging, stellte Gott einen sengenden Südwind bereit, und die Sonne stach Jona auf dem Kopf, und er wollte verschmachten; und er wollte, dass seine Seele stürbe und sprach: „ Mein Tod ist besser als mein Leben.” [34] (9) Und Gott sprach zu Jona: „ Hast du dich mit recht wegen des Rizinus erzürnt?” Und er sagte: „ Mit Recht habe ich mich zu Tode erzürnt.” (10) Und Jahwe sprach: „ Du hast dich über den Rizinus erbarmt, mit dem du keine Mühe gehabt und den du nicht großgezogen hast, welcher der Sohn einer Nach war und als Sohn einer Nacht zugrunde ging. (11) Und sollte ich mich nicht über die Großstadt Ninive erbarmen, in der über 120 000 Menschen sind, die nicht zwischen rechts und links zu unterscheiden wissen[35], und viel Vieh?”

[01] So Wilhelm Rudolph, Joel – Amos – Obadja – Jona (KAT), Gütersloh 1971 Seite 327
[02] Rudolph, Seite 329
[03] Zenger Seite 501
[04] V: II.Kön 14,25
[05] E: Wahrscheinlich die spanische Hafenstadt Tartessos, deren genaue Lage noch nicht festgestellt werden konnte
[06] V: Ps 139,7.9.10
[07] E: heute Jaffa
[08] T: LXX: „und schnarchte“
[09] T: Die Frage der Seeleute ist eine spätere Glosse, da die Frage schon beantwortet ist
[10] E: Hebräer
[11] V: Gen 1,9 – 10
[12] V: Matth 12,40
[13] V: Ps 120,1
[14] V: Ps 42,8
[15] V: Ps 31,23
[16] V: Ps 18,5; 69,2
[17] E: „Seele“ bedeutet „Leben“
[18] Ü: Diese Übersetzung ist unsicher. Gemeint sein werden die Riegel der Unterwelt
[19] V: Ps 103,4
[20] V: Ps 142, 2 – 4
[21] V: Ps 31,7
[22] V: Ps 50,14; 116,17 -18
[23] V: 1,2
[24] V: 4,11
[25] V: Gen 7,17; 8,6; 50,3; Nu 14,34; Matth 4,2 = Marc 1,13 = Luc 4,2; Apgesch 1,3
[26] T: LXX: „drei Tage“
[27] V: Matth 12,41
[28] V: Joel 1,14
[29] Ü: mejm ist ein Aramäismus, Wurzel mej aramäisch „befehlen“
[30] V: Joel 2,14
[31] V: Jer 18,7 – 8
[32] V: Ex 14,6
[33] V: Vers 8; I.Kön 19,4
[34] V: Vers 3
[35] E: Gemeint sind die unwissenden und deshalb unschuldigen Kinder